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Gesundheitsverhältnisse ber Textil - Industrie speciell unter dieser
Rücksicht:
„In den Baumwollspinnereien des Bezirkes sind die Beschäftigten in der Regel
Zun: Einathmen des beim Schleifen der Kratzenbeschläge entwickelten metallischen und Mi-
ncralstaubes, sowie der beim Reinigen (Ausstößen) der Kratzen in die Luft wirbelnden
mineralischen und vegetabilischen Staubmasscn, welche dem Schmutz der Baumwolle ent
stammen, genöthigt, und außerdem häufig den Einwirkungen einer übermäßig hohen Luft
wärme ausgesetzt."
Dem gegenüber wird auch auf günstigere Erfahrungen hingewiesen. „So erkrankten
in einer Spinnerei, deren Arbeiter sich freilich seit der vor etwa 20 Jahren erfolgten Er
richtung der Fabrik einer besondern, namentlich auch durch Wohlfahrts-Einrichtungen aus
gezeichneten Fürsorge des Unternehmers, verhältnißmäßig günstiger Betriebs-Einrichtungen
und einer nur elfstündigen Arbeitszeit zu erfreuen hatten, von 72 männlichen Arbeitern nur
19 = 26,4 °/o und von 148 weiblichen Personen nur 45— 31,0 °/o. Unter den männ
lichen Arbeitern befanden sich 9 jugendliche, von welchen 5 erkrankten, unter den Arbeite
rinnen 21 jugendliche, deren 4 erkrankten.
„In den Tuchfabriken und Streichgarnspinnereicn des Bezirkes ist die Ge-
fundheitsgcfährdung der weiblichen Arbeiter etwa ebenso beschaffen wie in den analogen
betrieben der Baumwoll-Jndustrie.
„Die Mängel der Luftbeschaffenheit, aus welchen eine besondere Gesundheitsschädigung
l>er Baumwollspinnerei-Arbeiterinnen erwächst, bestehen in ähnlicher, wenngleich etwas ge
ringerer Weise auch für die Arbeiterinnen der Webereien für Baumwollwaaren und ordi
naire Halbwollstoffe.
„In den nicht ventilirten Webereien des Bezirkes beträgt die Zahl der Erkrankten
durchschnittlich 61,5 °/o bei männlichen, 55,7 0 /o bei weiblichen Arbeitern, und in einer
derselben sogar 116°/» bei erstem, 91,2 °/o bei letztem, während in einer mäßig v en-
lilirt en Buntweberei diese Zahlen auf 36,2 °/o bezw. 44,4 °/o herabsinken. Der gün-
şilgste Erfolg einer künstlichen Ventilation der Arbeitsräume drückt sich auch in den
Zahlen aus, welche für die gewöhnlich zwölf Stunden täglich arbeitenden Flachsspinnereien
vorliegen — 35,1 °/o Erkrankungen bei männlichen und 44,1 °/o bei weiblichen Arbeitern.
Im Allgemeinen gelten Flachsspinnereien für wesentlich ungesunder als Baum
wollspinnereien '). Diese Annahme, vor Jahrzehnten, als verhältnißmäßig reine Baumwoll-
und unreine Flachssorten verarbeitet und die Flachsspinnereien noch nicht ventilirt wurden,
vielleicht richtig, trifft jetzt in Bezug auf die hiesigen Betriebe nach den Krankenkassen-
Ausweisen nicht zu; diese zeigen im Gegentheil, daß in den Baumwollspinnereien die Er-
à'ankungsgefahr der Arbeiterinnen durchschnittlich um 50—150 °/o und die Verletzungsgefahr
3 ) Der Gewerbcrath für Obcrbaiern, Schwaben und Neuburg stellt in der
^hat noch die Verhältnisse in den Hanf-, Flachs- und Wcrgspinncreien des Be
zirkes viel ungünstiger dar, wie in den Baumwollspinnereien. „Hier liegt die Gefahr eines
teils in dem massenhaft auftretenden, für die Lungen gefährlichen, kieselsäurehaltigen
staube, anderntheils in den mit dem N a ß s p i n n e n verbundenen heißen und übel
riechenden Dämpfen. Obgleich der schwerste und bedenklichste Staub hauptsächlich beim
Hecheln des Rohmaterials, dann bei einigen Vorbereitungsmaschincn und bei den Karden,
weniger bei den übrigen Vorwerken, und am wenigsten oder gar nicht bei den eigentlichen
Spinnmaschinen auftritt, so erscheint doch im Hinblick auf die Naßspinnerei der größere
^iheil des Arbeitspersonals dieser Anlagen einer besondern Krankheitsgefahr ausgesetzt. (Die
Ģesamintzahl der hier in Frage kommenden weiblichen Personen beträgt zur Zeit 1176,
wobei 61 jugendliche.)"