Full text : Urtheile der deutschen Handelskammern über Zollpolitik und Handelsverträge

42

hängenden  Spekulation  gerichtet,  sie  sind  teilweise  wesentlich  billiger  als  in  den
Zeiten  des  Freihandels  gewesen.  Tie  Löhne  sind  überall  und  wesentlich  gestiegen.
Tie  Lebensweise,  Wohnart  und  Kleidung  der  Arbeiter  haben  sich  gebessert  Ties
würde  noch  mehr  hervorgetreten  sein.  wenn  Genuß-,  Trunk-  und  Putzsucht  dem
nicht  in  wahrhaft  erschreckender  Weise  ein  Hinderniß  gebildet  hatten.  Daß  die
Kapitalkraft  des  deutschen  Reiches  sich  in  überraschender  Weise  in  dieser  Zeit  verstärkt ­
  hat.  bedarf  keines  Beweises.  Die  gewaltige  Aufnahme  in-  und  ausländischer
Anleihen  im  Deutschen  Reich,  die  hoffnungsvoll  beginnende  Thätigkeit  größerer
deutscher  Unternehmungen  im  Auslande  beweisen  dies.  Wenn  seitens  eines  Theiles
deS  Handels  und  besonders  der  Seestädte,  wir  möchten  wobl  fast  sagen  gewohnheitsmäßig ­
  Klage  über  den  Schutzzoll  geführt  wird,  so  treten  dem  die  Zahlen  über  das
Wachsthum  des  dortigen  eigenen  Verkehrs  beredt  entgegen.
„In  dein  größten  deutschen  Hafen,  dem  zweitgrößten  Europas,  dem  von
Hamburg,  betrug  die  Zahl  der  angekommenen  Schiffe  in  Register-TonS:
1877  1891
2  233  929  5  762  362
der  abgegangenen  Schiffe  2  243  586  5  766  068
und  der  Inhalt  der  Hamburger  Kauffahrteiflotte  vermehrte  sich  von  223  910
Register-TonS  auf  555  844.
„Wir  meinen,  daß  die  geschilderte  wirthschaftlichc  Lage,  die  sich  auS  der  1878
eingeschlagenen  Zollpolitik  ergeben  bat  und  für  deren  Richtigkeit  die  angeführten
Zahlen  deutlich  reden,  an  sich  keine  Veranlassung  zu  einer  wesentlichen  Aenderung
unserer  Handelsbeziehungen  zu  den  anderen  Staaten  hätte  geben  könneu.  Anerkannt ­
  muß  indessen  werden,  daß  eine  gewisse  Stetigkeit  in  den  Handelsbeziehungen
der  Völker  nothwendig  für  ein  gesundes  Geschäft  ist,  dieser  Grund  spricht  für  den
Abschluß  von  Verträgen  überhaupt.  Wenn  dieselben  aber  in'S  Auge  gefaßt  werden,
so  müßte  unseres  Erachtens,  ganz  abgesehen  von  politischen  Erwägungen,  lediglich
die  Ausdehnung  des  deutschen  Handels  also  den  einzelnen  vertragschließenden
Ländern  gegenüber  die  Vergrößerung  deS  deutschen  Exports  im  Gegensatz  zu  dem
fremden  Import  nach  Deutschland  maßgebend  für  die  Veränderung  sein.  Hier
verlangt  der  Hairdel  im  Großen  mit  Recht  dasselbe,  wie  der  Handel  im  Kleinen.
Deutschland  mußte  also  denjenigen  Staaten  gegenüber,  welche  wesentlich  mehr  nach
Deutschland  importirten,  als  Deutschland  nach  ihnen  exportirt,  entsprechende  Eoncessionen
  verlangen.  Von  den  vertragschließenden  Ländern  führte  Oesterreich-Nngam
beinahe  den  doppelten  Werth  von  dem  nach  Deutschland  aus,  den  Deutschland  nach
dort  exportirte;  wenn  auch  uicht  in  gleichem  Maße,  so  war  dies  Verhältniß  bei
Italien  und  der  Schweiz  ebenfalls  ein  ungünstiges  für  Deutschland.  Die  Zahlen
stellten  sich  für  das  Jahr  1889  wie  folgt:
Oesterreich  Italien  Schweiz
führten  nach  Deutschland  auö  516  615  000  110  783000  177  876  000  Mt'
von  „  ein  282  741  000  97  624  000  151  178  000  „
an  Waaren  jeder  Art.
„Von  denjenigen  Staaten,  welche  das  Recht  der  Meistbegünstigung  genießen,
war  Deutschland  den  Vereinigten  Staaten  gegenüber  bisher  im  Vortheil;  durch
die  McKinley-Bill  ist  dies  aber  geändert  worden.  Großbritannien  lieferte  mehr
nach  Deutschland,  als  umgekehrt,  während  die  Beziehungen  zu  Frankreich  leider
das  früher  für  Deutschland  so  günstige  Verhältniß  wesentlich  verschlechtert  haben.
Am  meisten  im  Vortheil  gegen  Deutschland  ist  Rußland,  aber  gerade  dieses  Land.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.