Full text: Urtheile der deutschen Handelskammern über Zollpolitik und Handelsverträge

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dies in weitgehender Weise, so wird deutscher Fleiß, Energie und Ausdauer auch 
diese Schwierigkeit überwinden und der Verkehr wieder aufleben. Andernfalls 
werden wir bald die Folgen des Rückgangs der Kapital- und Steuerkraft erleben." 
11. Provinz Hessen-Nassau. 
Handelskammer zu Frankfurt a. M. 
„Mit dein Zahrc 1891 schließt für uns eine Wirthschafts. Periode ab, die 
unter dein Wahlfpruch: „Schutz der nationalen Arbeit!" durch 12 Jahre ein 
System ausgebildet hat, das unter möglichstem Ausschluß fremden Wettbewerbs 
den heimischen Markt der heimischen Erzeugung sichern, diese dadurch zu kräftiger 
Entwickelung führen und fäbig machen sollte, auch auf dem Weltmarkt mit Erfolg 
aufzutreten. 
„Deutschland ist inzwischen zu einem mächtigen Industriestaat emporgewachsen 
und doch hat sich in den letzten Jahren eine Beklemmung und Gedrücktheit gerade 
in denjenigen Kreisen geltend gemacht, welche die Schutzzölle ganz besonders begehrt 
hatten und unter denselben groß geworden waren. Der Ruf nach Aenderung des 
Zollsystems erhob sich immer lauter und vielseitiger, je mehr der Schutz der 
nationalen Arbeit Ausdehnung in Europa und den überseeischen Welttheilen fand. 
Denn alle Nationen hatten heimische Arbeit zu schützen, und wo keine Industrie 
vorhanden und auch trotz aller künstlichen Mittel nicht zur Entwickelung zu bringen 
war, fand man immerhin die durch stark erhöhte Zölle erzielten Mehreinnahmen 
für den Staatshaushalt sehr erwünscht. Während unser Ansfuhrbedürfniß immer 
größer und dringender wurde, verschlossen sich die Thore unserer Absatzgebiete 
immer dichter, daher der Ruf aus industriellen Kreisen nach Handelsverträgen mit 
ermäßigten Zöllen. Tie deutsche Bevölkerung wächst rasch an; der Grund und 
Boden ist kaum mehr im Stande, die Massen zu ernähren; eine starke Einfuhr 
von Nahrungsmitteln ist alljährlich nöthig, die wir nur mit Erzeugnissen unseres 
Gewerbefleißes bezahlen können, und nur in der industriellen Thätigkeit findet ein 
großer Theil des Volkes auskömmlichen Verdienst. Die Industrie muß deshalb 
immer weiter ausgedehnt und entwickelt werden. Wohin aber mit ihren Er 
zeugnissen. wenn die Märkte anderer Länder uns durch Zölle immer mehr verschlossen 
werden Y 
„Man muß es der deutschen Staatsregierung als hohes unbestreitbares Ver 
dienst anrechnen, daß sie in so schwieriger Lage mit Aufbietung aller Thatkraft 
und unter Schonung aller Lebensinteressen unserer Industrie und Landwirthschaft 
mit einer Reihe von Nachbarstaaten Verträge zu Stande gebracht hat, die vor 
allem das seither übliche fortgesetzte Hinaufschrauben der Zölle für die Dauer von 
12 Jahren verhindern und ferner eine Reihe festgebundener gegen früber ermäßigter 
Zollsätze zur Grundlage haben. Deutschland mit Oesterreich.Ungarn, Italien, der 
Schweiz und Belgien bilden nun im internationalen Güteraustausch einen Krystal 
lisationskern von nicht zu unterschätzender Anziehungskraft, dem sich andere Staaten- 
gruppen werden anschließen müssen. Er hat die Macht, solche» Staaten, welche 
bei der Weiterausbildung des Abschließungssystems beharren wollen, empfindliche 
Lehren zu ertheile». 
„Die mit Oesterreich-Ungarn, Italien, der Schweiz und Belgien abgeschlossenen 
Tarifverträge, welche eine große Zahl von Positionen auf 12 Jahre binden, haben 
abgesehen von manchen Produzentengrnppen, welche sich in ihren Speeialinteresscn
	        
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