94
der Ankaufspreis für die Consúmente» durch die hohen Zölle beträchtlich gesteigert
und weniger Bemittelten die Anschaffung derselben erschwert wurde, so das; die
Erwartung gerechtfertigt erscheint, das; in nicht allzu ferner Zeit eine Wandlung
eintreten werde. Eine größere Gefahr für den deutschen Handel und die deutsche
Industrie, alo in der Mac Kinley-Bill, liegt unseres Erachtens in den Bestrebungen
der Vereinigten Staaten von Nordamerika, die siid- und mittelamerikanischen
Staaten durch Abschluß von Verträgen mit besonderen Begünstigungen für die
Einfuhr nordamerikanifcher Erzeugnisse von sich abhängig zu machen, was ibnen
in einzelnen Fällen schon gelungen ist. Doch fetzen wir in die deutsche Reiche-
regierung das Vertrauen, daß auch hier das Mögliche geschieht, um die Interessen
unseres Handels und unserer Industrie zu schützen."
Handelskammer zu Mainz.
„Unter den Ursachen dieser betrübenden, im vergangenen Jahre in allen
europäischen Culturstaaten beobachteten Erscheinungen müssen wir die bisher von
den meisten derselben mehr oder weniger befolgte Politik sebftstandiger Festsetzung
der Zölle wiederum in die erste Reihe stellen. Die autonome Zollpolitik, welche
in Deutschland mit dem I. Januar 1880 unter dem Schlagworte Schutz der
nationalen Arbeit eingeleitet wurde, hat durch die ebenfalls autonom in den Jahren
1883, 1885 und 1887 vorgenommenen Erhöhungen der Zollsätze auf die wichtigsten
Lebensmittel, namentlich Getreide, zwar den unleugbaren Erfolg gehabt, daß
einzelne Industriezweige durch den Ausschluß der Concurren; des Auslaudes fid'
zu einer gewissen Blüthe emporschwingen konnten, aber nur zu bald stellte es fid'
heraus, daß dieser Erfolg kein nachhaltiger war und der Natur der Sadie nad'
auch gar nicht sein konnte. Gerade durch die hohen Zollsätze für die Einfuhr
außerdentscher Fabrikate, Halbfabrikate und namentlich des ausländischen Getreides
zwang man das Ausland, welchem dadurch der Absatz seiner industriellen und
landwirthschaftlichen Erzeugnisse auf dem deutschen Markte, wenn nicht völlig ver
schlossen, so doch erschwert wurde, zu Gegenmaßregeln, die wiederum die deutsche
Industrie, zn deren Schutz die autonome Zollpolitik ausgesprochener Maßen ge
schaffen war, schwer schädigen mußten. Namentlich gilt dies in Bezug auf Nord
amerika und Rußland, die größten Getrcidekammcrn der ganzen Welt. Beiden
wird in dem für Getreide sehr aufnahmefähigen Deutschland durch die hohen Zölle
der Absatz ihrer Ausfuhr an Bodenerzeugnissen erschwert und an beiden verliert
Deutschland in Folge der von ihnen eingeführten Kampszölle kaufkräftige Ab-
nehmer eines großen Theiles seiner Fabrikate. Was für Nordamerika gilt, das
gilt bis zu einem gewissen Grade auch von den meisten anderen Staaten, mit
welchen Deutschland in handelspolitischen Beziehungen steht. Das autonome
Schutzzollsystem, welches nach der Behauptung seiner Anhänger den Zweck und die
Wirkung haben soll, die einheimische Industrie zum Wettbewerbe mit dem Aus-
lande zu befähigen und zu kräftigen, macht derselben somit die Ausnahme dieses
Wettbewerbs dadurch unmöglich, daß es das Ausland zu Gegenmaßregeln nöthigt,
welche den Erzeugnissen der vermeintlich geschützten Industrie den Absatz außerhalb
der sic umgebenden Zollschranken erschweren oder wohl gar ganz verbiete». Dieser
Vorgang hat, wie schon früher an dieser Stelle hervorgehoben wurde, dabin ge
führt, daß unsere Industrie sick) daran gewöhnte und gewöhnen mußte, zu einem
sehr großen Theil das Inland als den hauptsächlichen Abnehmer ihrer Erzeugnisse
anzusehen. Sd)ou damals wurde daraus hingewiesen, das; ein solches Verhalten