thumbs: Rationelle Betriebsführung im Malerhandwerk

212 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
In Deutschland faßte während der zweiten Hälfte des 
18. Jahrhunderts vornehmlich die zweite dieser Schulen, wenn 
auch unter gewissen Abänderungen der Hauptlehre, Fuß. Sie ist 
auch im allgemeineren Zusammenhange deshalb besonders be— 
merkenswert, weil sie, indem sie als Krankheitstypen eine starke 
und eine zu schwache Erregbarkeit des Muskelsystems, in techni— 
schen Ausdrücken eine Asthenie und eine Sthenie annahm, dazu 
gelangte, die in Empfindsamkeit und Sturm und Drang hervor— 
tretenden nervösen Erscheinungen als Asthenie zu bezeichnen. 
Es bedarf dabei kaum noch des Hinweises darauf, daß, ganz 
parallel dieser Entwicklung ärztlicher Begriffe im 18. Jahr⸗ 
hundert, nur wissenschaftlich intensiver begründet und insofern 
entwicklungsgeschichtlich höher in der zweiten Hälfte des 19. Jahr⸗ 
hunderts, in den Zeiten der Reizsamkeit und des Impressionis⸗ 
mus, der Krankheitstyp der Neurasthenie in der Medizin zur 
Ausbildung gelangte. 
Die dritte aber unter den alten Gesamtanschauungen be— 
darf deshalb besonderer Betrachtung, weil in ihr mit dem 
Vitalismus ein Prinzip gefunden wurde, das noch über die 
debenserscheinungen der Irritabilität und der Sensibilität hinaus 
eine allgemeine Vorstellung über das Wesen des organischen 
Lebens überhaupt, nicht bloß beim Menschen, sondern auch bei 
den Tieren und Pflanzen ermöglichte, ja schon ausdrückte. Nun 
war dieses Prinzip an sich freilich nicht neu. Allein in der 
besonderen Durchbildung, die es jetzt erhielt, lehnte es sich doch 
durchaus an neuere Forschungen an. Und da unterschied denn 
schon Stahl von dem Blutkreislauf, der dem Körper die tierische 
Wärme gäbe, eine Anima vegeétativa, welche durch raschere 
oder langsamere Nervenschwingungen den „Tonus“ des Körpers 
gestalte. Und andere deutsche Gelehrte, so Reil und Hufeland, 
dieser der bekannte Berliner Arzt, entwickelten, zum Teil unter 
dem Einflusse französischer Theorien, verwandte Lehren, während 
Blumenbach (1752— 1840), der Begründer der Anthropologie, 
an Stelle der Anima vegetativa einen Nisus formativus un- 
nahm, der die Auswirkung der mechanischen Kräfte im Körper 
regle und von der Empfängnis an die allmähliche Ausbildung
	        
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