Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

214 Vierundzwanzigstes Buch. Zweites Kapitel. 
romantik noch beträchtlich gesteigert werden mußten, und litt 
unter diesem Zusammenhange der einfache und ruhige Betrieb 
auch der Tierphysiologie, so wurden auf dem Gebiete der 
Pflanzenphysiologie viel sicherer gewisse einfache Grundlagen 
späterer Erkenntnis gewonnen. Da war schon früh vor allem 
die Lehre von der Befruchtung gefördert worden, insbesondere 
hatte Camerarius die Wirkung des Pollens in dieser Richtung 
festgestellt. Daneben wußte man bereits um 1760 aus den 
Untersuchungen Malpighis, daß die Blätter Ernährungsorgane 
der Pflanzen seien, und Ray hatte schon seine Experimente 
über die Einwirkung des Lichtes auf die Färbung der Pflanzen 
veranstaltet. Ein noch vollerer Reigen von Fortschritten be— 
gann dann, als Lavoisier eine Anzahl von chemischen Unter— 
suchungsarten der physiologischen Forschung zugänglich gemacht 
hatte. Senebier zeigte 1782, daß in den grünen Organen 
unter dem Einflusse des Lichtes Kohlensäure zersetzt wird. 
Ingenhousz wies 1796 nach, daß die Pflanzen beständig Sauer— 
stoff aufnehmen und Kohlensäure bilden; daß aber unter dem 
Einflusse des Lichtes die grünen Organe umgekehrt Kohlen⸗ 
säure aufnehmen und Sauerstoff ausscheiden. Saussure be— 
schäftigte sich, in Vervollständigung der Nachweise von Ingen⸗ 
housz, in seinen Recherches chimiques sur la végétation, 
die im Jahre 1804 erschienen, noch eingehender mit dem Stu— 
dium der Atmung der Pflanzen. Es waren Arbeiten, die zu 
einer vollen Lehre von der Pflanzenernährung hinüberführten: 
freilich aber einstweilen weit mehr auf französischem als auf 
deutschem Boden Beachtung fanden. Denn in Deutschland 
hatte man inzwischen, für den exakten Verlauf der Forschung 
zu früh, schon begonnen, sich mit den schwersten Problemen 
der Entwicklungsgeschichte zu beschäftigen. 
Anregungen waren hierzu eigentlich schon von Haller aus— 
gegangen, indem dieser, in gewissem Sinne noch ganz auf dem 
alten Standpunkte der biblischen Schöpfungsgeschichte, wenn 
auch deren Anschauungen im ganzen nur für die Vorstellungen 
über die Entwicklung des einzelnen Individuums zugänglich, 
zunächst für den Tierkörper die sogenannte Theorie der Praä—
	        
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