Full text : Die Sonneberger Spielwaaren-Hausindustrie und ihr Handel

Arbeit  nach,  welche  Lehrlinge  und  Gehülfen  massenhaft  absorbirt,  —  reißt
unter  dem  jetzigen  Verhältniß  auch  viele  junge  Talente  mit  fort,  welche  der
Kunstsinn  bedürftigen  Sonneberger  Industrie  nützlich,  dem  Handel  förderlich
hätten  werden  können,  wenn  sie  gerettet,  rechtzeitig  in  künstlerisch  praktische
Schule  und  Lehre  gezogen  worden  wären.
Wie  bisher,  so  heute  noch  hängt  es  vom  Spiel  des  Zufalls  ab,  wie
viele  von  den  angehenden  Fabrikanten  an  den  Scheidewegen  zur  Produktivität,
der  geistarmen,  der  besseren  oder  der  künstlerischen  sich  zuwenden  und  in  wie
weit  sie  als  Zöglinge  bei  geschickten,  autodidaktisch  gebildeten  Fabrikanten
ausharren,  um  genügend  von  ihnen  zu  lernen  und  selbst  dem  Fortschritt  zu
huldigen,  zur  Herstellung  von  Waaren,  die  dem  Geschmacke  der  höheren
Classen  entsprechen.
In  allen  Ländern  schreitet  die  Cultur  vor  und  mit  ihr  steigen  die
Anforderungen  auch  an  die  Spielwaaren  -  Industrie.  Deshalb  paßt  das
national  -  ökonomische  Motto:  „laisser  aller“  wohl  allezeit  auf  das  freihändlerische
  Panier  des  Sonneberger  Welthandels,  aber  nicht  auf  das  seiner
Industrie,  welche  überwiegend  Hausindustrie  ist.
Arm  und  nur  itt  Zeiten  der  Noth  erwachsen,  festgewurzelt  auf  der
Scholle,  an  die  sie  nun  gebunden  ist,  wird  die  Sonneberger  Spielwaarenindustrie,
  wie  die  des  Sächsischen  Erzgebirges  auch,  in  den  untersten  Regionen ­
  ihres  materiellen  Schaffens  stets  den  Urtypus  der  physischen  Verkommenheit ­
  in  dem  Maaße  tragen,  in  welchem  man  ihre  geistige  Vorbildung ­
  läßt.  Sie  zu  heben  ist  Sache  des  Staates.
Ein  dankbareres,  ausdehnungsfähigeres  Arbeitsgebiet
als  dieses,  das  nur  unten  auf  den  Feldern  des  physischen  Schaffens  an
Arbeitern  zum  Erdrücken  voll,  während  es  auf  der  Höhe  an  geistigen
Bebauern  leer  ist,  giebt  es  für  ihn  nicht.
Würde  nur  ein  Theil  der  fortwährend  vom  Sonneberger  Handel  begehrten ­
  besseren,  künstlerischen  Spielwaaren  und  Decorations-,  Luxus-  und
Gebrauchsartikel  neuer  Gattung  und  feineren  Geschmacks  hier  verfertigt
werden,  so  würden  Tausende  geschickter,  geschulter  Fabrikanten  mehr
Beschäftigung  bei  reichlichem  Verdienste  erhalten  können,  als  jetzt  die
Hunderte,  welche  als  eingeborene,  nach  geistigem  Erfolg  arbeitende  Autodidakten ­
  über  dem  Materialismus  der  Produktion  schwimmend,  das  Ehrenbanner ­
  ihrer  Industrie  rettend  über  die  Wogen  halten.
            
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