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I. Buch B III: K. Oldenberg, Die Konsumtion.
eigenwirtschaftliche Tätigkeit nicht Produktion, so würde ja in einem aus eigenwirt
schaftlichen Bauern bestehenden Volke die Produktion überhaupt fehlen. Ver
ständlich wird diese Begriffsverschiebung nur, wenn man vom Standpunkt der älteren
fiskalischen und kommerziellen Nationalökonomie das Augenmerk auf die Produk
tion steuerbarer Tauschwerte oder verkäuflicher Waren beschränkt und demgemäß
den viel gemißhandelten Begriff der Produktivität so willkürlich einengt, wie es z. B.
Adam Smith getan hat. Wir umfassen vielmehr mit dem Begriffe der Produktion
z. B. eines Mittagessens alle die Aufwendungen, die für die Nutzung seiner Bestand
teile im menschlichen Organismus erforderlich sind; also außer ihrer Fabrikation
das Zubereiten in der Küche und das Servieren im Eßzimmer, das Zerkleinern mit
Messer und Zähnen, den nötigen Verdauungsspaziergang ') und die unter Umständen
mühsame Ausscheidung und Abfuhr der Verdauungsrückstände; dies alles ist Pro
duktion, großenteils eigenwirtschaftliche Produktion für den eigenen Bedarf, nicht
Konsumtion. Konsumtion ist nur der Empfang der Nutzwirkung des Guts durch den
Körper oder Geist des Konsumenten. Geistige Güter: ästhetische Genüsse und sitt
liche Werte von dem Begriffe der Konsumtion auszuschließen, liegt kein Grund
vor; man denke an entgeltliche Konzerte.
Eine Grenzstörung zwischen Produktion und Konsumtion tritt ein,
wenn die Produktion selbst zugleich eine Befriedigung gewährt. Das sollte möglichst
bei aller Produktion der Fall sein. In Wirklichkeit trifft es in verschiedenstem
Maße zu; in der Eigenwirtschaft mehr als bei der verkehrswirtschaftlichen Arbeit,
bei der selbständigen und leitenden Arbeit mehr als bei der abhängigen, bei der
geistigen mehr als bei der mechanischen. Die Pflege von Wissenschaft und Kunst,
so hoch produktiv sie sein mag, ist ein Typus der Verschmelzung von Produktion
und Konsumtion. Ein Rentier, der eine Beschäftigung ausübt, um seinen Tätigkeits
drang zu stillen, kann mehr Konsument als Produzent sein, und die produktive
Tätigkeit kann ins Spiel übergehen, das zur Konsumtion gehört.
Auch die Konsumtion selbst, ob sie nun selbstgewählt oder oktroyiert ist, kann
neben der Beseitigung der Unlust eines unbefriedigten Bedürfnisses positive sub
jektive Lustgefühle auslösen. Diese Gefühle mag die Natur der Kon
sumtion beigesellt haben, um die Befriedigung des Bedürfnisses sicherer herbei
zuführen. Auch solche Lustgefühle sind ein zusätzlicher Bestandteil der Konsum
tion, neben der objektiven Nutzwirkung. Aber in gewissem Maße ist subjektives
Wohlgefallen doch auch Bedingung dieses objektiven Konsumtionseffekts. So legt
die neuere Verdauungsphysiologie auf die gefällige Aufmachung der Speisen und
Getränke und auf Appetitreizmittel überhaupt Gewicht. Die seelischen und ge
fühlsmäßigen Obertöne in der Konsumtion dürfen auch aus diesem Grunde nicht
überhört werden.
Der Umfang der Konsumtion ist sowohl durch die Menge der
verfügbaren Güter wie durch den Bedarf begrenzt. Der Bedarf, oder vielmehr das
Bedürfnis, wechselt individuell und mit dem Lebensalter; es wächst mit der Ge
wöhnung und nimmt ab beim Altern. Niemandes Genußfähigkeit ist unbegrenzt,
und mit Bedauern muß der genußfreudige Konsument erfahren, daß die einzelnen
Genüsse einander im Wege stehen und die Ausnutzung der für die einzelne Genußart
an sich vorhandenen begrenzten Genußfähigkeit noch weiter einschränken.
Eine noch engere Grenze zieht aber in der Regel die jeweilig verfügbare Menge
der Befriedigungsmittel. Von dieser Seite her ist die Konsum tion in der verkehrslosen
Eigenwirtschaft durch die Produktion und den Gütervorrat, in der Verkehrswirt
schaft auch durch die Kaufkraft der Bevölkerung nach oben begrenzt. Die jährliche
Kaufkraft in einem Lande ist eigentlich dem jährlichen Produktionswerte gleich;
ein Volk, das für 30 Milliarden Mark Güter produziert, kann auch für 30 Milliarden
Mark kaufen; aber die Kaufkraft differiert doch von dem Produktionswert insofern,
0 Bei gewissen modernen Nahrungsmitteln wird auch ein Teil der Verdauung in das ver
kehrswirtschaftliche Produktionsstadium einbezogen.