Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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Preussen. 
hinaus Einfluss gewann, führte die Gleichberechtigung aller Erben auch 
bei Grund und Boden ein und begünstigte nicht nur die Teilung der Grund- 
stücke im Erbfalle, sondern verlangte sie unter bestimmten Umständen, 
In Frankreich ist daher seit der Revolution jedes Hindernis einer 
Zerschlagung der Grundstücke beseitigt. In Preussen ist dies seit 
1811 mit später zu erörternden Ausnahmen gleichfalls durchgeführt. 
In beiden Ländern aber hat diese Freiheit keine erheblichen Nachteile 
aufzuweisen gehabt. Betreffs Frankreich ist früher viel über die über- 
mässige Bodenzersplitterung geschrieben, doch ist in der neueren Zeit 
durch eingehende Untersuchung erwiesen, dass schon vor der Revo- 
lution in einem grossen Teile des Landes der Parzellenbetrieb sehr all- 
gemein war, und ebenso, dass er noch heutigen Tages im allgemeinen, 
mit Ausnahme weniger Landesteile, nicht als übertrieben bezeichnet 
werden kann. Allerdings sind die französischen Verhältnisse als excep- 
tionelle zu bezeichnen. Einmal begünstigt das Klima und der Boden 
den Kleinbetrieb in besonderer Weise. Die Nahrungsgewohnheiten der 
Bevölkerung verlangen Gemüse-, Obst- und Weinbau, Geflügelzucht ete. 
in einer grösseren Ausdehnung als in anderen Ländern. Dann erleich- 
tert das verbreitete Zweikindersystem dort die Konservierung des Be- 
sitzes. 
Auch in Preussen ist, wie wir sahen, eine schädliche Wirkung 
der Freiheit im Ganzen nicht eingetreten und steht auch für die Zu- 
kunft nicht zu erwarten. Aber allerdings sind auch dort besondere 
Umstände zu berücksichtigen, welche einem Missbrauch entgegenge- 
wirkt haben. Vor allem hat der Bauer selbst die alte Sitte sehr weit- 
gehend aufrecht erhalten, einem Sohn das Grundstück geschlossen zu 
hinterlassen oder schon bei Lebzeiten zu übergeben und die übrigen 
Kinder nur mit einer mässigen Abfindung zu bedenken. Damit 
hat die Sitte in vielen Gegenden ausgeglichen, was die gesetz- 
lichen Bestimmungen gegensätzlich angebahnt hatten, bis man dann 
in der neueren Zeit bestrebt gewesen ist, diese Sitte gesetzlich zu 
fixieren und sie noch in andere Kreise überzuführen. Jene Sitte 
ist besonders in Westfalen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg, 
Altenburg und anderen Gegenden bestehen geblieben, während z. B. 
in der Provinz Posen, Sachsen ete. der Usus besteht, schon bei Leb- 
zeiten das Grundstück einem Sohn zu übergeben; in der Weichsel- 
niederung dagegen, dass der überlebende Ehegatte das Gut erbt und 
wenn er sich wieder verheiratet, es geschlossen in der Hand behält, 
wodurch es den Kindern entzogen wird. Wieder in anderen Gegenden 
Deutschlands ist die Teilung des Grundstücks unter die Erben Ge- 
brauch, wodurch eine wachsende Zersplitterung unvermeidlich ist. Sie 
wird in einzelnen Gegenden mehr oder weniger dadurch ausgeglichen, 
dass der Uebernehmer des Gehöftes fortdauernd bestrebt ist, wiederum 
Land anzukaufen und dadurch allmählich die ursprüngliche Grösse 
wieder herzustellen, wie das namentlich im Badischen der Fall ist, 
Dadurch hat sich in diesen Gegenden ein ausgedehnter Handel mit 
Parzellen entwickelt, indem in ungünstigen Jahren DBesitzstücke in 
grosser Ausdehnung und billig zum Verkauf gestellt werden, während 
nach guten Jahren die Nachfrage und damit die Preise gewaltig steigen. 
Wenn hierdurch in einzelnen Gegenden der Usus der gleichen 
Erbteilung in seiner Wirkung abgeschwächt ist, so kann darüber kein
	        
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