328 Zweites Buch. Die gesellschaftliche Verfassung der Volkswirtschaft.
Prozeß natürlicher Beeinflussung und eigentümlicher erblicher Entwickelung so weit
differenziert worden, daß fast jede Rafse und jeder Stamm einzelne Fertigkeiten und
Güter befaß, die dem anderen mangelten. Und je stabiler und unbiegsamer in Lebens—
weise und Sitte, je unfähiger zur Aneignung neuer Künste alle primitiven Rassen, ja
selbst heute noch breite sociale Schichten unserer Kulturvölker sind, desto größeren Einfluß
auf die langsam beginnende Arbeitsteilung mußten diese ethnischen Verschiedenheiten
haben. Wie ein roter Faden geht es durch alle Kulturgeschichte hindurch, daß Fremde
alle neuen Künste und Fortschritie bringen; noch heute rekrutteren fich bei dem Durch—
einanderwohnen verschiedener Rassen immer wieder dieselben Berufe aus den verschiedenen
ethnischen Elementen. —
Bei den folgenden Darlegungen wird die Schwierigkeit sein, die Arbeitsteilung
losgetrennt von ihren Ursachen und ihrer praktischen Ausgestaltung in der Gesellschaft,
von den konventionellen Ordnungen und Institutionen, in welchen sie allein Leben
gewinnt, vorzuführen. Wollte man diese Scheidung nicht vornehmen, so würde dieses
Kapitel die ganze volkswirtschaftliche Organisation und alle ihre UÜrsachen darlegen
müffen. Eine isolierende Untersuchung der Arbeitsteilung ist an sich berechtigt, und es
ist angezeigt, die anderweitig in diesem Grundriß besprochenen, aus der Arbeilsteilung
hervorgehenden Institutionen (wie z. B. die Unternehmungsformen) nicht auch hier
darzustellen. Immer aber ist der große weltgeschichtliche Entwickelungsprozeß der
Arbeitsteilung anschaulich nur zu geben mit Ausblicken auf Ursachen und Folgen, mit
da und dort eingestreuten kurzen Darlegungen der gesellschaftlichen Einrichtungen, welche
der Arbeitsteilung ihre bestimmte historisch wechselnde Form gaben.
Den Stoff gliedern wir nach gewifsen in sich zusammenhängenden Teilen oder
Gebieten, innerhalb derselben nach hiftorischer Folge.
Die Arbeitsteilung auf jedem der von uns unterschiedenen Gebiete ist eine in sich
zusammenhängende Kette von Erscheinungen. Daneben hat jedes Volk für sich seine
Geschichte der Arbeitsteilung, die aber in ihren einzelnen Teilen der Gesamtentwickelung
der Menschheit angehört. Wenn die verschiedenen Völker im ganzen eine einheitliche
Entwickelungsreihe uns zeigen, so liegt es teils darin, daß immer wieder dieselben
Ursachen selbständig zur selben Scheidung führten, teils darin, daß die Gepflogenheiten
einer älteren Arbeitsteilung häufig im Zusammenhang mit einer gewissen Technik oder
mit gewissen Institutionen auf die jüngeren Völker durch Nachahmung übergingen.
Das erste wichtige Gebiet, das uns bei einer Scheidung der hieher gehoͤrenden
Erscheinungen entgegentritt, ist die Arbeitsteilung in der Familie, die zwischen
Maunn und Frau, zwischen den dienenden Gliedern derselben. Sie hat in der patri⸗
archalischen Großfamilie ihre Hauptausbildung erhalten, spielt aber heute noch eine
erhebliche Rolle. Für alle spätere und weitere Arbeitsteilung ist vor allem die That—
sache wichtig, daß die vollen Konsequenzen derselben wohl für die Familienväter, nicht
aber ebenso für die Hausfrauen und deren Gehülfinnen gezogen werden. Alle haus—
wirtschaftliche Frauenthätigkeit ist zwar von der Produktion der Güler im großen heute
getrennt, stellt jedoch in sich die universalste Vielgestaltigkeit ungetrennter Arbeits—
funktionen dar. Ich muß mir versagen, auf dieses ganze Gebiet hier nochmals einzugehen,
da ich das Wichtigste hierüber in dem Kapitel über die Familienwirtschaft gesagt habe.
Als ein zweites großes Gebiet der Arbeitsteilung stellt sich uns die Erhebung
der Priester, Krieger und Häuptlinge in der älteren Zeu, der Häudler in der späteren
über die Masse des übrigen Volkes dar. Ihr steht als Gegenstück die Entstehung einer
Schicht handarbeitender Kreise, der Sklaven, der Hörigen, der freien Lohnarbeiter
gegenüber. Es handelt sich auf diesem Gebiete um die Scheidung der höheren von der
niederen, der geistigen von der mechanischen Arbeit; es ist das Stück Arbeitsteilung,
welches aristokratische, herrschende Klassen und daneben untere, dienende, beherrschte
rzeugt. Ich bezeichne sie als die sociale und berufliche Arbeitstéilungz; sie
ist es zuerst, welche die Scheidung in Klafsen und Stände herbeiführt.
Das dritte Gebiet, das wir betrachten, betrifft die Scheidung der Gewerbe
von der Haus- und Landwirtschaft, sowie die Arbeitsteilung in der letzteren