Full text : Ursachen der Amerikanischen Concurrenz

20

nicht  eitel  Humanität.  Es  ist  eine  —  durchaus  humane  —
Speculation.  Seit  Sommer  1882  muss  die  Schiffscompagnie,
auf  deren  Schiff  ein  Einwanderer  nach  Amerika  kommt,  fur
jeden  solchen  50  Cents  an  die  Kasse  von  Castle  Garden  zahlen,
dieser  Menschenzoll  wird  von  den  Dampfercompagnien  natürlich ­
  auf  die  Fracht  der  Einwanderer  geschlagen.
Castle  Garden  liegt  brillant  am  Hafen,  dort,  wo  Broad-Street,
  die  Hauptstrasse  New-Yorks,  anfängt.  Man  hat  einen
geräumigen  Park  dabei  und  eine  herrliche  Aussicht  über  den
Hafen.  Das  Dépôt  besteht  in  der  Hauptsache  aus  einem
früheren  Theater,  dessen  Bühne  und  Zuschauerraum  die  Auswanderer ­
  aufnimmt  und  ihnen  ein  erstes  Obdach,  Schutz  gegen
Unwetter  und  luftigen  Schatten  gegen  die  glühende  Sommersonne ­
  gewährt.  Sie  werden  hier  in  Hürden,  wie  die  Schafe
bei  uns  nach  Geschlecht  und  Jahrgängen,  so  hier  nach  Nationalitäten ­
  abgetheilt,  können  aber  frei  miteinander  communiciren.
  Jede  Nationalhürde  bildet  einen  Kreisausschnitt,  der
jedoch  nicht  bis  zum  Mittelpunkt  reicht.  Um  diesen  läuft  ein
Binnenkreis  mit  kleinerem  Radius,  innerhalb  dessen  die  Behörden
des  Einwandereramtes  ihren  Sitz  haben  und  von  wo  aus  sie
leicht  mit  jeder  Gruppe  verkehren  können.
In  der  Arena  von  Castle  Garden  kommt  die  Nationalität
der  Einwanderer  zum  letzten  Male  zur  praktischen  Geltung*
Später  erscheint  sie  nur  noch  alle  zehn  Jahre  ein  Mal  als  Zahl
im  Census.  Verlässt  der  Einwanderer  Castle  Garden,  so  gibt
er  seine  Nationalität  auf  und  wird  „Amerikaner“  und  seine
Kinder  sprechen  oft  die  heimische  Sprache  nicht  mehr,  verstehen ­
  sie  aber  noch.  Dies  haben  wir  wiederholt  gesehen,
zuletzt  in  Pilatka,  wo  wir  die  Familie  eines  Mannes  trafen,
dessen  Name  in  der  deutschen  Gelehrtenwelt  einen  sehr  guten
Klang  hat,  Petermann,  der  selbst  eine  gute  Erziehung  genossen ­
  hatte,  aus  jener  Gelehrtenfamilie  stammte,  mit  seiner
Frau  1849  politischen  Gründen  ausgewandert  war,  diese
aber  früh  verloren  hatte.  Seine  wohlerzogenen  Töchter  verstanden ­
  noch  Deutsch,  sprachen  es  aber  nicht  mehr;  der  einzige
Enkel  des  noch  lebenden  und  sehr  wohlsituirten  Einwanderers
verstand  auch  kein  Deutsch  mehr.
Ich  führe  dies  Beispiel  an,  um  zu  zeigen,  dass  auch  Ein-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.