Der Lebensdrang der Gruppe.
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engeren Kreise ab. Insbesondere bedeuten also auch die wirtschaftlichen Beziehungen
durchweg zugleich nähere menschliche Beziehungen. Alle diese Kontakte und Kon-
trollen sind bei uns teils durch eine Anonymität des Lebens sowohl im Bereich der
Arbeit wie der Muße ersegt (besonders in der Großstadt), teils hat der sachliche
Charakter der Arbeit die persönliche Fühlung in ihrem Bereich überhaupt aufgehoben.
Welche Übel und Gefahren sich damit verbinden, ist bekannt. Ersegßt ist die persön-
liche Fühlung im wirtschaftlichen und sonstigen beruflichen Leben weitgehend durch
eine Abhängigkeit des Erfolges vom angemessenen Verhalten und die darin enthaltene
Nötigung zur Anpassung, die aber viel weniger unmittelbar impulsiv wirkt und eine
viel größere fortgesette Selbstbeherrschung verlangt wegen der größeren Distanz
zwischen Ursache und Wirkung. Weiter könnte man in diesem Zusammenhang die
Presse anführen, nämlich als eine neue Form der öffentlichen Meinung, die an Stelle
der ursprünglichen persönlichen, von den Gruppenmitgliedern getragenen Form getre-
ten ist. Indem die Presse sich die Erlebnisse fast eines Jeden nach ihrem Ermessen
zu eigen machen kann, ist durch sie die Allgegenwart der Gruppe in einem gewissen
Sinne ersegt.
7. Es sei hier auf die Frage der Erhaltung des Gruppen-
lebens in der richtigen Bahn ganz allgemein noch etwas
weiter eingegangen. Und zwar wollen wir nach dem Mechanismus
dieses Vorganges fragen. Die Antwort lautet: in erster Linie kommen
für ihn subintelligente Kräfte in Betracht. Woher kommt
der einzelne Mensch zu seinen Anschauungen, zu seiner Bewertungs-
weise, zu seiner Lebensauffassung und Weltanschauung, zu der ganzen
Art seines Verhaltens? Er weiß, besonders wenn er einigermaßen re-
flektiert, eine Menge rationaler, anscheinend durchaus einleuchtender
Gründe für sein Verhalten und seine Denkweise in jedem einzelnen Fall
anzugeben. In Wirklichkeit sind das durchweg nachträgliche Begründun-
gen, die erst aus seinem Gesamtverhalten hervorwachsen. Es zeigt sich
das für den Beobachter namentlich darin, daß derselbe Mensch in an-
deren Situationen ganz anders verfährt, als er es nach seinen eigenen
Begründungen tun müßte. Tatsächlich hat er die entscheidenden Züge
seines theoretischen und praktischen Verhaltens durchweg seiner Um-
gebung entnommen auf dem Wege der Nachahmung, der Gefühlsüber-
tragung und der Verbalbeeinflussung ($$ 9—11). Aber er ist sich dieses
Zusammenhanges gar nicht bewußt. Er weiß nichts davon, daß Stim-
mungen sich übertragen, daß theoretische Urteile sowohl wie Wert-
überzeugungen übernommen werden, daß man verehrte Menschen von
innen heraus in ihrem ganzen Wesen nachahmt. Das Walten dieser
Kräfte bleibt ihm ebenso unbewußt wie der oben herangezogene Vor-
gang der untersprachlichen Fühlungnahme im täglichen Zusammen-
leben ($ 13.,,).
Das Gesagte gilt auch für die Art, wie schwerwiegenden Bedrohungen
des sozialen Gleichgewichts begegnet wird und derartige Störungen im
Keime erstickt werden. Wir finden z. B. schon früh gewisse Verbrechen