Der buddhistische Kanon.
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1. Jahrhundert vor Chr. in Ceylon unter König VattaAämani.
Es könnte scheinen, daß die Überlieferung des Textes darunter
gelitten hat, daß er erst so spät aufgezeichnet wurde. Das ist aber
nicht der Fall. Die indische Unterrichtsmethode war derartig, daß
auch ohne schriftliche Aufzeichnung eine treue Überlieferung selbst
gewaltiger Textmassen möglich war. Es gibt noch heute in In
dien Gelehrte, die den ganzen UZvsäa, 1028 Lieder von teilweise
großem Umfange, von Anfang bis zu Ende auswendig wissen und
ihn rezitieren, ohne den geringsten Fehler zu machen. Man hatte
eigene Rezitationsweisen ausgedacht, deren Einübung Gegenstand
des Unterrichts war. Die Übung des Gedächtnisses bildete einen
Hauptteil des Schulunterrichts. In den Predigten, die Buddha
im Kreise seiner Jünger hielt, tritt dieses lehrhafte Element sehr
stark hervor. Die Wiederholungen einzelner Worte durch Syno
nyma und ganzer Sätze, die Bariierung desselben Gedankens, sind
im höchsten Grade ermüdend und nur erklärlich aus dem Wunsche,
den Zuhörern den Inhalt fest einzuprägen. Unendlich oft werden
namentlich die technischen Ausdrücke, die für die Lehre von be
sonderer Bedeutung sind, wiederholt und erläutert. Immerhin ist
der Kanon selbst an Umfang nicht größer als die Bibel, eher
kleiner. 1881 wurde in London von Rhys Davids, einem der
besten Kenner des Pali und des Buddhismus, die kalt Text
Society gegründet. Dieser Gesellschaft ist es vor allem zu ver
danken, daß heute fast alle wichtigen Texte des Pali-Kanons in
kritischen Ausgaben gedruckt vorliegen.
Bis vor kurzem war es die allgemeine Ansicht der Forscher,
daß nur dieser Pali-Kanon der südlichen Buddhisten die Lehre
Buddhas treu überliefere. Schon längst hatte man erkannt, daß
Teile der Schriften der nördlichen Buddhisten oft wörtlich mit
denen der südlichen übereinstimmten. Da die nördlichen aber
meist zweifellos jüngeren Datums waren als die südlichen, so
nahm man an, daß die Übereinstimmungen auf Entlehnung aus
dem Pali-Kanon beruhten. Die Verhältnisse liegen auf dem
Gebiete des nördlichen Buddhismus viel ungünstiger als auf dem
des südlichen. Beim südlichen haben wir es mit einer Sprache
zu tun, dem Pali, das in vier Alphabeten geschrieben wird, dem
singhalesischen, birmanischen, siamesischen und kambodschanischen.
Dazu kommt als wünschenswert, aber nicht unbedingt nötig, die
Kenntnis des Singhalesischen, der Sprache von Ceylon. Beim
nördlichen Buddhismus dagegen ist die Zahl der Sprachen und