II. Der Markt von Lübeck
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die Schwierigkeiten dabei noch so groß sein, und mag das dabei gewonnene
Bild an blendender Klarheit und unmittelbar bestechender Überzeugungs-
kraft zunächst zurücktreten hinter einer konstruktiv-deduktiven Behand-
lung nicht desselben Materials — dem ist auf solchem Wege nicht beizukom-
men — aber ähnlicher Probleme!*), Denn das wirkliche Leben ist so voller
Widersprüche, so relativ und fließend in seinen Grenzen und Übergängen,
daß es manches Mal unmöglich erscheint, aus der schillernden, unbestimmten
Masse das Wesentliche herauszuholen und damit ordnende Gesichtspunkte
zu gewinnen, die dem Leben selbst entnommen, nicht von außen her in seine
Überlieferung hineingetragen sind.
Wenn trotz dieser Schwierigkeiten das Ziel erreicht werden soll, ist der
methodischen Vorbereitung ein breiter Raum und größte Aufmerksamkeit
zinzuräumen. Im vorliegenden Falle galt es zunächst einmal, den gänzlich
unübersichtlichen Stadtbuchstoff in eine straffgegliederte, einer wissenschaft-
lichen Verarbeitung überhaupt erst zugängliche Form umzugießen!®);
sodann aber Mittel zu finden, die toten Einzelnachrichten wieder zu organi-
schen Einheiten zusammenzuführen und auf diese Weise eine möglichst
große Zahl sich gegenseitig erläuternder, zugleich auch kontrollierender
Tatsachengruppen zu gewinnen. Topographie und Statistik erwiesen sich
bei diesem Versuche. als die zuverlässigsten Hilfswissenschaften historisch-
soziologischer Erkenntnis.
Beide Wissenszweige haben der Geschichte längst die wertvollsten Dienste
geleistet: Es sei an Hermann Keussens Topographie der Stadt Köln im
Mittelalter (1910) und das von Konrad Beyerle und Anton Maurer
herausgegebene Konstanzer Häuserbuch (1908) erinnert, auf dem Gebiet der
Statistik nur Karl Büchers klassisches Buch über die Bevölkerung von
Frankfurt am Main (1886) genannt. Auch ist der Wert des Stadtbuch-
materials als historische Quelle längst erkannt — es genügt, auf die vor-
trefflichen Worte zu verweisen, die Paul Rehme über seine Erschließung
niedergeschrieben hat!®), sowie auf die bereits erwähnten topographischen
Werke. Ein Fortschritt zur Vertiefung der Erkenntnis mittelalterlichen
Lebens scheint mir aber nach der Richtung möglich, daß topographische
und statistische Verarbeitung Hand in Hand gehen, und daß die mittel-
alterlichen Stadtbücher zugleich auch statistisch ausgewertet werden; selbst-
verständlich nur zur Behandlung von Fragen, für die das Stadtbuch als
erschöpfende und deshalb als statistisch erfaßbare Quelle zu gelten hat!®?).
Als erster Versuch nach dieser Richtung wollen die vorliegenden Studien
betrachtet werden; in ihrer hoffentlich möglichen abschließenden Fort-
setzung wird, namentlich bei der Behandlung der mit dem Lübecker Renten-
markt zusammenhängenden Fragen, die statistische Bearbeitung weit mehr
in den Vordergrund treten als hier, wo sie gewissermaßen nur als Kontroll-
und Erläuterungsmittel der topographischen Tatsachen in Erscheinung tritt.