Der Unterordnungstrieb.
69
lage im Erkenntniszusammenhang der Psychologie verstanden.) — McDougall selbst
verfolgt seine Entdeckung nur in der Richtung weiter, daß er nach ihrer Bedeu-
tung für die Entwickelung des sittlichen Lebens im Individuum fragt. — Speziell
über die Unterordnungswilligkeit des Kindes vgl. Sully, Studies of childhood,
S. 268, deutsche Ausg. S. 236. — G. Compayre, Die Entwickelung der Kindes-
seele, S. 358. — Über Führung und Unterordnung in der Tierwelt besonders die
Arbeiten von Thorleif Schjelderup-Ebbe, Katz und Toll in der Zeit-
schrift für Psychologie, Bd. 88, 93 und 95.
6. Der Hilfs- und Pflezgetriebh.
Inhalt: Ein Hilfs- und Pflegeinstinkt ist dem Menschen ebenso wie vielen
gesellig lebenden Tieren angeboren. Er wird in unseren verwickelten Verhältnissen
in der Regel durch entgegengesegte Interessen verdeckt und kommt im allgemeinen
um so stärker zur Geltung, ie mehr eine Möglichkeit gegenseitiger Förderung besteht.
1. In unseren heutigen Verhältnissen könnte man an der Existenz
eines besonderen Hilfstriebes zweifeln, wenn man von den Tatsachen des
Familienlebens absieht. Hier ist er besonders klar in Gestalt der Mutter-
liebe. Die Elternliebe finden wir aber auch bereits bei den Naturvölkern
überall entwickelt, und zwar durchschnittlich mindestens in derselben
Stärke wie bei uns. Wir beobachten bei diesen auch vielfach ein durch-
aus altruistisches Verhalten ganz im Gegensag zu den bekannten popu-
lären Vorstellungen von der Herrschaft des Faustrechts, von einer abso-
luten Roheit und Selbstsucht. Wir hören vielfach von Freundlichkeit
und Wohlwollen im täglichen Umgang, von unentgeltlichem Abgeben
von Nahrungsmitteln, von einer gewissen Hilfsbereitschaft gegen Kranke
und Alte und auch gegen Blinde und Schwachsinnige. Die legten Fälle
sind besonders wichtig, weil es sich bei ihnen um Ausnahmen handelt und
daher um Fälle, die man nicht etwa durch die Herrschaft der Sitte er-
klären könnte. Übrigens wären auch solche Sitten schwer ohne eine im-
pulsive Wurzel zu erklären. Das gilt insbesondere auch von der weit-
verbreiteten Sitte der Gastfreundschaft. Tatsächlich ist ein gewisser
Kommunismus der Ernährung bei ursprünglichen Herdengeschöpfen
etwas ganz Natürliches und als Fortdauer uralter Zustände aufzufassen.
Eine der ergreifendsten Schilderungen dieses „primitiven Altruismus‘!)
finden wir in der Darstellung der russischen Hungersnöte, bei denen
Eltern mit den Kindern und überhaupt Bevorzugte mit den übrigen die
legten Bissen opferwillig teilen?).
In unseren modernen Verhältnissen zeigt sich die Existenz des Hilfs-
instinkts besonders deutlich zunächst. wie schon gesagt. im Familien-
1) Vgl. meine Abhandlung über diesen Gegenstand im „Globus“ Bd. 76.
2) Lehmann und Parvus, Das hungernde Rußland S. 129. Für das
deutsche Bauerntum vel. L’Houet. Psycholorie des Bauerntums S. 9215