Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

5.  Kap.  Fortschritt  in  der  Productionsmethode.

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kommen,  wenn  man  sein  Urtheil  dahin  fällt,  daß  das  allgemeine  materielle
Wohlbefinden  der  Hähern  Klassen  und  der  obern  Schichten  der  Handarbeiter-Bevölkerung
  heutzutage  größer  ist,  wenige  Ausnahmen  abgerechnet,  als  es  auf
den  frühern  Entwicklungsstufen  des  Menschengeschlechts,  sowohl  im  Alterthum
wie  im  Mittelalter  und  den  folgenden  Zeiten,  war.  Dagegen  darf  mit  ebendemselben ­
  Rechte  behauptet  werden,  daß  eine  Minderzahl  der  den  niedern
Ständen  Angehörigen,  nämlich  die  bedauernswerthen,  heute  mit  dem  Namen
Proletarier  bezeichneten  Menschen,  die  Zeiten  der  Hungersnöthe,  der  großen
Kriege  und  anderer  öffentlichen  Kalamitäten  abgerechnet,  etwa  seit  dem  Beginn
des  12.  Jahrhunderts  nach  Christus  bis  zu  Beginn  der  Manufacturperiode
die  unterste  Schicht  des  Arbeiterstandes  heutzutage  im  allgemeinen  schlechter  genährt  ist
als  in  den  bessern  Zeiten  des  Mittelalters  —  die  Wohlthätigkeit  und  die  umfassende
Freigebigkeit  der  großen  kirchlichen  Güterbesitzer  und  insbesondere  der  Klöster  kann
nicht  genug  gepriesen  werden  (s.  G.  R  atzing  er,  Geschichte  der  kirchlichen  Armenpflege
12.  Aust.,  Freiburg  1884]  188—431,  und  über  die  Klöster  des  spätern  Mittelalters  besonders ­
  S.  308—316)  —;  aber  jene  gräßlichen  Hungersnöthe,  deren  furchtbare  Wirkungen
infolge  der  weit  geringern  Gesamtmasse  der  damals  auf  der  Erde  erzeugten  Nahrungsmittel
und  vor  allem  infolge  der  ganz  erbärmlichen  Communicationsmittel  zu  Wasser  und  zu
Lande  sich  auf  das  äußerste  steigerten  und  sie  zu  einer  wahren  Geißel  der  Menschheit
gestalteten,  sind  heutzutage  nur  in  entlegenen,  großentheils  noch  mittelalterlich  organisirten
  Ländern  möglich,  und  eine  solche  Hungersnoth,  wie  sie  in  den  Jahren  1892  und
1893  Rußland  heimsuchte,  könnte  in  Westeuropa  gar  nicht  mehr  vorkommen.
Wie  mit  den  Nahrungsmitteln,  so  verhält  es  sich  aber  auch  mit  den  Kleidungsstücken ­
  und  andern  Gegenständen,  die  heutzutage  fast  jedermann,  wenigstens  in  einem
gewissen  Maße,  zugänglich  find.  Man  beachte  z.  B.  nur  die  Thatsache,  daß  sich  der
Gebrauch  der  Leinenwäsche  bis  zum  14.  Jahrhundert  auf  die  Reichen  und  Wohlhabenden
beschränkte,  während  sich  die  Massen  ausschließlich  in  Wolle  und  Thierhäute  kleideten,
was  dann  vielfach  Hautkrankheiten  zur  Folge  hatte.  Derartiger  Beispiele  lassen  sich
verschiedene  anführen,  vgl.  Jannet,  Le  capital,  la  spéculation  et  la  finance  au
XIX o  siècle  (Paris  1892)  7.  Welche  Verbreitung  haben  dagegen  in  unsern  Tagen  die
zum  Theil  entschieden  prciswürdigen  Baumwollwaren,  Kattune,  Shirtingstoffe  u.  s.  w.
infolge  der  Massenproduktion  billigen  Rohmaterials  im  südöstlichen  Theile  der  Vereinigten ­
  Staaten  und  dessen  Verarbeitung  in  Lancashire  und  andern  Fabrikgegenden
gefunden!  Auch  muß  man  sich,  so  berechtigt  auch  das  im  vorigen  Kapitel  über  die
inl  Bereiche  der  Production  sowohl  als  der  Consumtion  in  unserer  Zeit  so  häufigen
Mißbräuche  Gesagte  bleibt,  vor  Augen  halten,  daß  der  durch  die  Billigkeit  der  für
die  niedern  Klassen  der  Bevölkerung  bestimmten  Bekleidungsstofie  und  Putzgegenstände
ermöglichte  häufigere  Wechsel  der  Anzüge  auch  sein  Gutes  hat.  Es  gewährt  den  zur
Arbeiterklasse  und  zum  niedern  Bürger-  und  Bauernstande  gehörigen  Personen  eine
Befriedigung,  den  Wechsel  der  Mode,  der  nun  einmal  in  den  Augen  so  vieler  seinen
Reiz  hat,  mitmachen  zu  können.  Das  Wort:  Variatio  delectat,  hat,  wie  auf  so  vielen
andern,  auch  auf  diesem  Gebiete  seine  Geltung,  und  gegen  dessen  Anwendung  kann,
soweit  dadurch  nicht  die  Regeln  weiser  Sparsamkeit  verletzt  werden  und  nicht  unerlaubter
Eitelkeit  und  Gefallsucht  gefröhnt  wird,  ein  ernstlicher  Einwand  nicht  wohl  erhoben
werden.
            
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