Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

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I.  Buch.  Production  und  Consumtion.

gesund  wohnende  Menschen  gibt.  Diese  Frage  muß  zu  noch  ernstern  Reflexionen
auffordern,  wenn  man  sich  erinnert,  daß  die  Kriege,  welche  seit  etwa  einem
halben  Jahrhundert  in  Europa  stattgefunden  haben,  weder  so  zahlreich  noch
so  lange  dauernd  waren  als  jene  in  frühern  Jahrhunderten.  Wenn  man
die  socialen  Verhältnisse  gewisser  Zeiten  zu  Vergleichen  herbeizieht  und  sich
Epochen  vergegenwärtigt,  in  welchen  ein  ähnlicher,  verhältnißmäßig  lange
wahrender  politischer  Friedenszustand  geherrscht  hat,  ohne  daß  jedoch  eine
Umwälzung  auf  dem  Gebiete  der  Productionsmethoden  stattgefunden  hätte,
also  z.  B.  die  Zustände  des  römischen  Reiches  beim  Regierungsantritt  des
Kaisers  Commodus,  die  Verhältnisse  Frankreichs  zur  Zeit  des  hl.  Ludwig
oder  diejenigen  des  deutschen  Reiches  zur  Zeit  der  Thronbesteigung  Maximilians ­
  I.,  so  findet  man,  daß  die  materiellen  Genußmittel  dieser  Perioden
nur  um  weniges  minder  reichlich  vorhanden  waren,  als  das  in  der  Gegenwart
der  Fall  ist,  wenn  sie  überhaupt  in  geringerer  Quantität  vorhanden  waren.
Warum  also  genügen  all  die  verschiedenartigen  Producte,  die  auf  dem  Wege
unserer  modernen  Productionsvervollkommnungen  mit  Hilfe  der  ungeheuern
Hitze  unserer  modernen  industriellen  Feuerherde  und  mittelst  der  gewaltigen
Hammerschlage  unserer  mit  Dampfkraft  betriebenen  Eisenwerke  erzeugt  sind,
nicht  zur  Befriedigung  aller  Bedürfnisse?  Wie  kommt  es,  daß  Zweifel  darüber ­
  entstanden  sind,  ob  unsere  Nahrungsmittel  und  unsere  Kleidung,  unsere
Häuser  und  unser  Hausrath,  unsere  Bäder  und  die  der  Vergnügung  im  Freien
gewidmeten  Stätten,  unsere  Schmucksachen  und  Decorationen  überhaupt  diejenigen ­
  der  eben  genannten  frühern  Perioden  des  Friedens  und  des  Wohlstandes ­
  an  Güte  übertreffen?
So  viel  steht  unter  allen  Umständen  fest,  daß  gewisse  langst  vergangene
Zeiten  der  allgemeinen  Prosperität  in  mancher  Hinsicht  der  Jetztzeit  entschieden
überlegen  waren.  Reichlicher  Fleischgenuß  war  am  Ende  des  deutscheu  Mittelalters ­
  im  Arbeiterstand  sicher  allgemeiner,  als  es  jetzt  der  Fall  ist.  Dagegen
standen  jene  Zeiten  in  andern  Beziehungen,  gleichfalls  ohne  jeden  Zweifel,
hinter  der  unsern  zurück  Man  dürfte  der  Wahrheit  wohl  am  nächsteu
i  Man  wolle  nur  bedenken,  wie  viele  Genüsse  und  Annehmlichkeiten  heutzutage
fast  allen  zugänglich  sind,  von  denen  das  Mittelalter  gar  keine  Ahnung  hatte,  oder  die
dazumal  nur  einer  größern  oder  geringern  Minderzahl  zugänglich  waren.  Man  hatte
z.  B.  sogar  noch  im  15.  Jahrhundert  als  Verschlußmittel  der  Fenster  überwiegend
Tapeten,  Pergament  oder  hölzerne  Läden.  Die  schon  mehr  an  den  Luxus  der  Glasscheiben ­
  gewöhnten  Italiener  jener  Zeit  staunten  über  die  Glasfenster  der  Wiener
Bürgerhäuser  als  über  etwas  Außerordentliches.  In  wie  vielen  bessern  Arbeiterfamilien
findet  man  gegenwärtig  gepolsterte  Kanapees  und  andere  Möbel,  von  denen  sich  im
Mittelalter  nur  die  Reichen  träumen  lassen  konnten!  Was  aber  noch  wichtiger  ist,
die  Versorgung  der  großen  Massen  mit  den  nöthigsten  Consumtionsartikeln  ist  in
unserer  Zeit  weit  besser  als  in  frühern  Jahrhunderten  gesicherte  Es  mag  sein,  daß
            
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