128
I. Buch. Production und Consumtion.
unserer Zeit so mächtigen Tendenzen einerseits der Schonung und der Für
sorge für das Menschenleben und andererseits der Vorsicht in Bezug auf die
Vergrößerung der Anzahl der Familienglieder sich entwickeln werden. Noch
mehr aber als die Milderungen, welche in dem Verfahren bei der Bekämpfung
feindlicher Nationen eingetreten sind, und als die großartig sich entwickelnde chari-
tative Thätigkeit, die mit einer sehr beträchtlichen Steigerung der Arbeitslöhne
und des Wohlbefindens großer Arbeitermassen — wovon wir im 9. und 10. Ka
pitel des III. Buches handeln werden — und einer gewaltigen, durch die Ver
besserungen der Productionsmittel und die Erschließung der Naturschätze weiter-
barbarischer Regionen erzielten Steigerung des Reichthums Hand in Hand geht,
noch mehr als alle diese einer gesteigerten Bevölkerungszunahme günstigen Um
stände wirkt vielleicht die ungemeine Verbesserung der hygienischen Verhältniße
auf ein weiteres Anwachsen der Bevölkerung fördernd ein. Die entsetzlichen
Pestilenzen der Vorzeit, insbesondere die unglaublichen Verheerungen, welche
der schwarze Tod zu verschiedenen Malen, namentlich aber um die Mitte des
14. Jahrhunderts angerichtet hat, als — wie man berechnete — die Hälfte der
Bevölkerung Europas dahinstarb, waren in solchem Umfange doch nur möglich,
weil die Fürsorge für die Gesundheitsverhältnisse der Bevölkerung sehr viel
zu wünschen übrig ließ. Man denke nur an die mangelnde Canalisirung,
an das enge Zusammenwohnen der Menschen in den befestigten raum- und
lichtarmen Städten, an das Begraben der in zahlreich bevölkerten Städten
Verstorbenen innerhalb der Stadtmauern und sogar in den Kirchen, an die
Unkenntnis; der elementaren Wahrheiten der Naturkunde 1 , welche die ärztliche
Behandlung erschwerte und die Desinfection auf einem tiefen Niveau erhielt,
und man wird begreifen, wie sehr sich die Sterblichkeit in unsern Tagen
vermindern mußte, welche glücklicherweise die bedeutendsten hygienischen Fort
schritte zu verzeichnen haben, so daß die Epidemien nur noch in den von den
ärmsten Klassen bewohnten Vierteil; der Großstädte arg zu hausen pflegen.
Dadurch ist unbestreitbar ein beträchtliches Gegeilgewicht gegen die aus der
Zunahme der Unsittlichkeit in allen ihren Gestalten lind aus der vergrößerten
Vorsicht in der Kindererzeugung resultirende Tendenz zu einer Verlangsamung
1 Wie schlimm es in dieser Hinsicht an gewissen Orten selbst noch im vorigen
Jahrhundert aussah, beweist die folgende Thatsache: Als man unter der Regierung
Karls III. (1759—1788) zu einer ernstlichem Reinigung der Straßen Madrids, also
der Residenzstadt des damals noch bedeutend mächtigern Spaniens, schreiten wollte, ent
stand darüber eine große Beunruhigung der Bevölkerung, und die Aerzte der Haupt
stadt erklärten, das; durch die mephitischen Dünste der Straßen die scharfen Eigen
schaften der frischen Bergluft der Umgebung gemildert und daher durch energischere
Stratzenreinigung die Gesundheitsverhältnisse von Madrid wahrscheinlich verschlechtert
würden (siehe Rio, Historia del Reinado de Carlos III. IV (Madrid 1856], 54).