Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

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I.  Buch.  Production  und  Consumtion.

unserer  Zeit  so  mächtigen  Tendenzen  einerseits  der  Schonung  und  der  Fürsorge ­
  für  das  Menschenleben  und  andererseits  der  Vorsicht  in  Bezug  auf  die
Vergrößerung  der  Anzahl  der  Familienglieder  sich  entwickeln  werden.  Noch
mehr  aber  als  die  Milderungen,  welche  in  dem  Verfahren  bei  der  Bekämpfung
feindlicher  Nationen  eingetreten  sind,  und  als  die  großartig  sich  entwickelnde  charitative
  Thätigkeit,  die  mit  einer  sehr  beträchtlichen  Steigerung  der  Arbeitslöhne
und  des  Wohlbefindens  großer  Arbeitermassen  —  wovon  wir  im  9.  und  10.  Kapitel ­
  des  III.  Buches  handeln  werden  —  und  einer  gewaltigen,  durch  die  Verbesserungen ­
  der  Productionsmittel  und  die  Erschließung  der  Naturschätze  weiterbarbarischer
  Regionen  erzielten  Steigerung  des  Reichthums  Hand  in  Hand  geht,
noch  mehr  als  alle  diese  einer  gesteigerten  Bevölkerungszunahme  günstigen  Umstände ­
  wirkt  vielleicht  die  ungemeine  Verbesserung  der  hygienischen  Verhältniße
auf  ein  weiteres  Anwachsen  der  Bevölkerung  fördernd  ein.  Die  entsetzlichen
Pestilenzen  der  Vorzeit,  insbesondere  die  unglaublichen  Verheerungen,  welche
der  schwarze  Tod  zu  verschiedenen  Malen,  namentlich  aber  um  die  Mitte  des
14.  Jahrhunderts  angerichtet  hat,  als  —  wie  man  berechnete  —  die  Hälfte  der
Bevölkerung  Europas  dahinstarb,  waren  in  solchem  Umfange  doch  nur  möglich,
weil  die  Fürsorge  für  die  Gesundheitsverhältnisse  der  Bevölkerung  sehr  viel
zu  wünschen  übrig  ließ.  Man  denke  nur  an  die  mangelnde  Canalisirung,
an  das  enge  Zusammenwohnen  der  Menschen  in  den  befestigten  raum-  und
lichtarmen  Städten,  an  das  Begraben  der  in  zahlreich  bevölkerten  Städten
Verstorbenen  innerhalb  der  Stadtmauern  und  sogar  in  den  Kirchen,  an  die
Unkenntnis;  der  elementaren  Wahrheiten  der  Naturkunde 1 ,  welche  die  ärztliche
Behandlung  erschwerte  und  die  Desinfection  auf  einem  tiefen  Niveau  erhielt,
und  man  wird  begreifen,  wie  sehr  sich  die  Sterblichkeit  in  unsern  Tagen
vermindern  mußte,  welche  glücklicherweise  die  bedeutendsten  hygienischen  Fortschritte ­
  zu  verzeichnen  haben,  so  daß  die  Epidemien  nur  noch  in  den  von  den
ärmsten  Klassen  bewohnten  Vierteil;  der  Großstädte  arg  zu  hausen  pflegen.
Dadurch  ist  unbestreitbar  ein  beträchtliches  Gegeilgewicht  gegen  die  aus  der
Zunahme  der  Unsittlichkeit  in  allen  ihren  Gestalten  lind  aus  der  vergrößerten
Vorsicht  in  der  Kindererzeugung  resultirende  Tendenz  zu  einer  Verlangsamung

1  Wie  schlimm  es  in  dieser  Hinsicht  an  gewissen  Orten  selbst  noch  im  vorigen
Jahrhundert  aussah,  beweist  die  folgende  Thatsache:  Als  man  unter  der  Regierung
Karls  III.  (1759—1788)  zu  einer  ernstlichem  Reinigung  der  Straßen  Madrids,  also
der  Residenzstadt  des  damals  noch  bedeutend  mächtigern  Spaniens,  schreiten  wollte,  entstand ­
  darüber  eine  große  Beunruhigung  der  Bevölkerung,  und  die  Aerzte  der  Hauptstadt ­
  erklärten,  das;  durch  die  mephitischen  Dünste  der  Straßen  die  scharfen  Eigenschaften ­
  der  frischen  Bergluft  der  Umgebung  gemildert  und  daher  durch  energischere
Stratzenreinigung  die  Gesundheitsverhältnisse  von  Madrid  wahrscheinlich  verschlechtert
würden  (siehe  Rio,  Historia  del  Reinado  de  Carlos  III.  IV  (Madrid  1856],  54).
            
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