Object: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

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I. Buch. Production und Konsumtion. 
wurde, die religiöse Gesinnung der Bevölkerung nicht immer einen günstigen 
Einfluß auf die Bevölkerungsbewegung auszuüben vermag. Wie in Frankreich, 
so verhält es sich auch in der Schweiz. In beiden Ländern herrscht bekanntlich 
eine überaus große ökonomische Vorsicht und ein besonderer Trieb, Vermögen 
anzusammeln. Aber wie kann Tallquist aus solchen auf vereinzelte Länder 
bezüglichen Daten ein allgemeines Gesetz ableiten wollen? Er muß ja selbst 
zugestehen, daß anderswo, z. B. in Italien und in Preußen, die Verhältnisse 
anders liegen und daß sich die eheliche Fruchtbarkeit in diesen Ländern durch 
aus nicht nach dem Grade des Wohlstandes der Gatten richtet; und wie könnte 
überhaupt aus den Verhältnissen, welche sich während eines halben Jahr 
hunderts entwickelt haben, ein allgemeines Bevölkerungsgesetz abgeleitet werden ? 
Auch die Verbreitung der im 4. Kapitel des III. Buches zu besprechenden Theorie, 
wonach den Arbeitern ein bestimmter Betrag des Nationaleinkommens als 
Lohn zufiele, so daß eine Verminderung ihrer Anzahl das einzige Mittel zur 
Herbeiführung einer Lohnerhöhung wäre, trug dazu bei, den Glauben an die 
Malthusische Lehre zu erhalten, welche man auch als Waffe gegen die christliche 
Lehre vom Walten der göttlichen Vorsehung und als Entschuldigung für allerlei 
Bedrückungen der Armen durch die Reichen benutzt hat. 
Der Malthusianismus ist in seinen Wirkungen nicht nur auf einige enge 
Kreise von Gelehrten beschränkt geblieben, er hat vielmehr sehr üble Folgen 
gehabt und wahre Freunde der socialen Reform auf falsche Bahnen gelenkt. 
Sogar eines der hauptsächlichsten seit A. Smiths epochemachendem Wealth 
of nations erschienenen Werke über Volkswirtschaft, dasjenige von John Stuart 
Mill, ist in hohem Grade durch diese Theorien beeinflußt worden 1 ; und in 
der jüngst verfloffenen Zeit hat sich auf diesem Boden eine Literatur ent 
wickelt, deren Vorschläge nicht einmal ausgesprochen werden können. 
Auf Grund der sich aus deu vorsteheuden Auseinandersetzuugen über die 
Familie und die Populationsverhältnisse mit Nothwendigkeit aufdrängenden 
kommenschaft, ebenso die großen Industriellen, Kaufleute und Grundbesitzer, da sie die 
Folgen der Erbtheilungsvorschriften des Code civil nicht zu fürchten brauchen, indem 
sie ihre Kinder sämtlich reich ausstatten können. Dagegen halten diese Vorschriften 
Leute, die ein mäßiges Vermögen besitzen, vor allem Landleute, die ein arrondirtes 
Gut erhalten möchten, und überhaupt Rentiers, deren Vermögen sich nicht durch syste-' 
matische Thätigkeit vermehren läßt, häufig von der Erzeugung zahlreicher Kinder ab. 
i j, st. Mill, Principles of political economy. 1 st ed. London 1848. ® er 
Verfasser geht aber doch über Malthus' Lehre hinaus. Obgleich überzeugter Mal' 
thusianer, appellirt er ernstlich an die Willensfreiheit der Massen. Er mahnt dieselben 
zur Enthaltsamkeit, empfiehlt die Auswanderung und will — allerdings sehr mit Un 
recht — die jetzige Form des industriellen Betriebes durch Productivgenossenschaften 
ersetzt wissen. Aus allem dem ergibt sich mit Evidenz die Thatsache, daß Mill an ein 
unabwendbares Walten des Malthnsschen Bevölkerungsgesetzes nicht glaubte.
	        
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