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I. Buch. Konsumtion und Production.
Vermehrung groß gezogen. Es muß in Staunen setzen, wenn man diesen
Schriftsteller folgendermaßen declamiren hört: ,Tie Sorge für die Volks-
vermehrung macht den Regenten zum Vater, zum Hirten, zum Arzt, zu
einem Gott auf Erden. Der Regent muß demnach kein Mittel ungebraucht
lassen, das zur Vermehrung der Bevölkerung dienlich sein kann. Er muß
seinen Unterthanen Unterhalt verschaffen, damit alle, die heiraten können und
wollen, nicht daran gehindert werden, und daß es den Eltern eine Lust sei,
viele Kinder zu haben? So geschah es denn, daß hier und dort ganz
aussichtslose Experimente zur Förderung der Populationsvermehrung gemacht
wurden. Ein trauriges Beispiel davon sind die zahlreichen Ansiedlungen
armer Häusler, welche Kaiser Joseph II. in gewissen hohen Gebirgsgegenden
Böhmens vornahm. Diese armen Leute mußten alsbald, weil sie ihr Aus
kommen nicht zu finden vermochten, zu jenen bekannten, viel besprochenen
uneinträglichen Hausindustrien greifen, welche die Unergiebigkeit des Acker
baues wettmachen sollten. Indirect befördern dagegen alle guten Regierungen
die Volkszunahme dadurch, daß sie die Entwicklung der Hilfsquellen des
Landes begünstigen, die Fähigkeiten der Einwohner zum erfolgreichen Be
triebe des Ackerbaues, der verschiedenen Industrien, des Handels u. s. w. in
Betracht ziehen, und soweit möglich, alle ungesunden Productions- und Con-
sumtionsauswüchse zu hindern suchen 1 . Inwieweit Schutzzölle in dieser Hin
sicht günstig zu wirken vermögen, werden wir im nächsten Buche, welchen
heilsamen Einfluß Luxusgesetze zu üben vermögen, im 10. Kapitel dieses Buches
zu untersuchen haben. Hier haben wir uns noch mit gewiffen Hindernisien
zu beschäftigen, welche dem Anwachsen der Bevölkerung eines Landes entgegen
stehen oder die Einwohnerzahl sogar zu vermindern drohen. Man kann die
selben als Unterbindungen der Hilfsquellen eines Landes bezeichnen.
Dahin ist eine Organisation zu rechnen, der zufolge ein großer Theil
des Grundbesitzes sich in verhältnißmüßig wenigen Händen befindet und die
großen Grundeigenthümer in der willkürlichen Ausnutzung ihrer Besitzungen
wenig oder gar nicht gehemmt sind. Wo solche Verhältnisse herrschen, kann
es geschehen, daß die Grundeigenthümer ihren Grund und Boden in wenig
intensiver Weise bewirtschaften und z. B. mehrere kleine Pachtgüter zu einem
großen Ganzen vereinigen, um darauf statt Ackerbau, der einer Anzahl von
i Man kann als Beispiel einer derartigen erfolgreichen Thätigkeit die Ansied
lungen, welche die Herrscher des brandenburgisch-preußischen Staates in ihren Gebieten
vornahmen, die Aufnahme der von Ludwig XIV. vertriebenen Kalvinisten in ver
schiedenen Ländern, wo dieselben Gelegenheit zum Betriebe der ihren Fähigkeiten ent
sprechenden Industrien fanden, die Hebung der französischen Industrie durch Colberts
die Gesetze über den Verkauf der Staatsländereien in Nordamerika und andere der
artige Maßregeln anführen.