10. Kap. Die verschiedenen Zweige der Konsumtion.
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wirken zusammen, um ein krankes, unsittliches und hilfloses Geschlecht heran
zuziehen. Eine ungesunde Wohnung ruft Krankheiten hervor. Krankheiten
sind aber eine Hauptursache der Armut. Und diese macht hinwiederum den
widerstand gegen ungerechte Ausbeutung seitens der Vermiether immer hoff
nungsloser. Die übertriebene Theuerung der Wohnungen nöthigt dazu. After-
miether. Bettgeher u. dgl. aufzunehmen, was dann unter Umständen zur Un
sittlichkeit führt. Diese aber erzeugt abermals Armut und Krankheit, so daß
^ie Bewegung nach abwärts immer unwiderstehlicher wird 1 .
In der Neuen Welt kommen in dieser Hinsicht Uebelstände vor, wie sie
in der Alten glücklicherweise nicht häufig sind. Die tenement houses von
Ņew Hork sinden sich auch in andern Städten der Union und fördern Zu
stände zu Tage, welche man in Europa nur selten antrifft. Schon seit einer
Ņeihe von Jahren haben diese Uebelstände die Aufmerksamkeit der Menschen
kunde erregt, und es sind auch bereits verschiedene gesetzliche und andere
Maßregeln dagegen getroffen worden, die aber nur theilweis von Erfolg waren.
Die Verschiedenheit der Umstände, welche je nach den in den einzelnen
Ländern herrschenden Verhältnissen zu Tage tritt, macht mannigfaltige AbhilfS-
waßregeln gegen die Wohnungsnoth erforderlich. Im allgemeinen sind aber
t>or allein die folgenden zur Anwendung zu bringen:
Zunächst muß eine wirksame sanitätspolizeiliche Ueberwachung der Woh-
ņungen stattfinden. Die Eigenthümer, welche eine übermäßige Anzahl von
Personen in die verschiedenen Räume ihrer Häuser aufnehmen oder die noth
wendigsten hygienischen Vorrichtungen zu treffen Unterlasten, sind zu bestrafen.
Auch muß ein Verbot gegen die Erbauung von zu engen, schlecht ventilirten
^kr sonst irgendwie den Grundsätzen der Hygiene hohnsprechenden Häusern
' Man darf übrigens nicht glauben, daß sich unter diesen im Elend lebenden
Menschen nicht auch gute Elemente befinden. Ueberall trifft man inmitten der elen-
ksten und ungesundesten Stadttheile ehrenwerthe und fromme Familien. Viele arme
dute im östlichen London führen ein achtbares Leben, und unter den Armen der
î kndesten Stadtviertel von Neapel kommen rührende Beispiele gegenseitiger Hilfs-
^reitschaft und Opferwilligkeit vor. Der Mensch ist ein Wesen, das Willensfreiheit
e şiļ}t. Der Einfluß der Religion ist überaus mächtig. Es bestehen unter den Menschen
Ģglich der Kleidung und einer den Schicklichkeitsrücksichten entsprechenden Einrichtung
e * Wohnung sehr bedeutende Verschiedenheiten, ohne daß von denselben auf das Vor
andensein entsprechender Unterschiede in sittlicher Hinsicht geschlossen werden dürfte.
Treffs der Vorsichtsmaßregeln, welche zum Schutz der Sittlichkeit zu treffen sind, muß
°n sich gegenwärtig halten, daß eine einfache und fromme Landbevölkerung ganz
"vers zu behandeln ist als die scharfblickenden, von allerlei Versuchungen umgebenen
ì Bohner großer Städte. Es darf da auf das Beispiel Irlands verwiesen werden,
während der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts einige hunderttausend der Land-
evolkerung angehörige Familien je in einer schmutzigen, nur einen Raum enthaltenden
^"tte lebten und dennoch ein musterhaft sittliches Leben führten.