150
I. Buch. Production und Consumtion.
erlassen und energisch durchgeführt werden. Ja unter Umständen sollte zur
Sequestration und nöthigenfalls sogar zur Demolirung ungesunder Baulich
keiten, deren Eigenthümer keine Abhilfe schaffen, geschritten werden. Derartige
negative Vorschriften sind aber nicht genügend. Sie müssen vielmehr, wenn
ihnen nicht andere Maßregeln zur seile gehen, das Resultat haben, daß sich
die Kosten der Errichtung von Arbeiterhäusern steigern und daß die Anzahl
derselben beschränkt wird. Es würde also der Preis der Wohnungen bedeutend
in die Höhe gehen und für viele ganz unerschwinglich werden. Solche Gesetze
könnten demnach gar nicht ausgeführt werden. So ist es denn unerläßlich,
die Erbauung billiger und zweckentsprechender Wohnungen für die niedern
Klaffen auch positiv zu fördern.
In erster Linie sind natürlich die Arbeitgeber dazu berufen, bessernd und
helfend auf diesem Felde thätig zu sein. Es ist eine erfreuliche Thatsache,
daß auf dem europäischen Continent, und zwar besonders in Frankreich und
vielfach auch in Deutschland, eine Anzahl von Aetiengesellschaften wie auch von
Einzelunternehmern eine umfassende Wohlfahrtsthätigkeit für ihre Arbeiter ent
falten. Der im allgemeinen humanitäre Geist unserer Zeit hat in Verbindung
mit dem wohlverstandenen Interesse der Unternehmer, das sie dazu antreiben
muß, ihre Arbeiter dauernd an sich zu feffeln, schon Bedeutendes geleistet und
wird das in Zukunft noch mehr thun. Wenn wir uns aber auch erst im
11. Kapitel des III. Buches eingehender mit der Wohlfahrtsthütigkeit der
Unternehmer zu beschäftigen haben werden, müssen wir doch schon hier darauf
Hinweisen, daß vor allem die Wohnungsfrage der fördernden und unter
stützenden Thätigkeit der größern und besonders der ganz großen Unternehmer
ein dankbares Thätigkeitsfeld darbietet. Wie können diese ihre Arbeiter
stärker an sich fesseln, als indem sie denselben zu gesunden und einladenden
Wohnungen um billigen Preis verhelfen oder ihnen sogar den Erwerb eines
eigenen Heims ermöglichen. Das zu thun, sind allerdings die in großen
Städten gelegenen Unternehmungen nur dann im stände, wenn sie an der
Grenze des Stadtgebietes, nahe dem freien Felde liegen, falls sie es nicht
vorziehen, die Wohnungsanlagen in benachbarten kleinen Orten auszuführen,
wohin die Arbeiter mittelst der jetzt mehr und mehr eingeführten billigen
Arbeiterzüge schnell gelangen können. Es ist denn auch in der That bereits
Erfreuliches auf diesem Gebiete geleistet worden, und es kann hier auch durch
die Initiative der Unternehmer so viel geschehen, daß ein guter Theil der
Wohnungsfrage durch sie allein gelöst wird i .
1 Siehe Julius Post, Musterstätten persönlicher Fürsorge von Arbeitgeber"
sür ihre Geschäftsangehörigen. II Bde. Berlin 1889 u. 1893. Dies treffliche Werk
berichtet (IE, 215—338) über die Wohnungsfrage als die,Cardinalfrage< und beschreibt
26 Anlagen, nämlich 7 Beispiele der Fürsorge von Unternehmern für den Erwerb