10. Kap. Die verschiedenen Zweige der Konsumtion.
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Atmosphäre das Reisen heutzutage vielfach zu einer wahren Nothwendigkeit
geworden 1 .
D) Kunstgenüsse, wie sie Gemäldegalerien, Museen, der Privatbesitz
E^ler Kunstwerke, kleinerer Kunst-, Kupferstich- und anderer dergleichen Samm-
ļungen gewähren.
E) Literarische Genüsse, die Beschäftigung mit interessanter wissen-
gastlicher Lecture und das Lesen belehrender und unterhaltender Zeitschriften
und Bücher aller Art.
Auf diesem Gebiete wird leider mehr des Verderblichen als des Guten
geboten, und ganz abgesehen davon, daß die Mehrheit der heutigen Zeit
schriften und Tagesblatter mehr oder weniger der Verbreitung des Unglaubens
und der Jmmoralität sowie einer nur zu sehr auf äußerliches Genußleben
gknchteten Lebensanschauung dient, ist das heutzutage wahrnehmbare Ueber-
^ìegen der Zeitungslectüre höchst bedauerlich, weil es ein ernstliches Hinderniß
. das Lesen eingehender und gründlicher Bücher bildet und dergestalt eine
uuf alle Gebiete sich erstreckende Halbwisierei auf Kosten des ernsten Wiffens
^fördert. Sosehr wir uns daher gegen eine auch nur indirecte staatliche
Dämpfung des Zeitunglesens als solchen, das nun einmal beim Bestehen
ŗkcheitlicher Institutionen des öffentlichen Lebens seine volle Berechtigung hat,
/ áren müssen, so wäre es doch sehr zu wünschen, daß eine strenge Hand-
ļļ ung des Preßgesetzes gegen licentiöse literarische Erzeugnisse lind unsittliche
o er schwindelhafte Inserate stattfände.
' Uebrigens ist das Reisen auch im Alterthum bereits in weitem Umfang üblich
stŗ Hatten doch die vornehmen Römer ihre Villen zum Theil in ziemlicher Ent-
das^ bon ^ er Ştadt. Die Villenkolonien von Bajä, Misenum u. s. w. waren für
Nejs> ^ er Kaiserzeit das, was für unsere Zeit Nizza und der Genfersee sind. Auch
fisto T ^ Um ^ìvecke der Erforschung und Schilderung der Länder waren nichts Nn-
lichx Hat doch das 2. Jahrhundert nach Christus an Pausanias einen form«
die H.^'kchischen Reiseschriftsteller aufzuweisen. Im Mittelalter befriedigten dann
Ņat ŗ^^iûge und die Wallfahrten zu fernen Gnadenorten das nun einmal in der
Hoà ^'^ļer Menschen tief wurzelnde Reisebedürfnih. Auch der Besuch weit berühmter
anlas; wie Paris und Bologna, gab wenigstens im spätern Mittelalter die Ver-
Sitt õ" vielen Reisen. Sodann wurde es im 17. und 18. Jahrhundert allgemein
Männer aus angesehenen und reichen Familien die große Tour durch
ja sä Holland, Deutschland und Italien machen zu lassen. Und schon im vorigen,
lifci/o” UU Jahrhundert wurden dann große Reisen im Stil von Goethes Italie«
Ņkise für reiche und hoch gebildete Leute zur förmlichen Mode. Reisen dieser
Die şi'? şicherlich eines der trefflichsten Bildungsmittel und einer der edelsten Genüffe.
weit r Geraus häufigen Reisen des sogen, gebildeten Mittelstandes hingegen, so-
zum r nií;t öloß Erholung im Gebirge und harmloses Vergnügen in großen Städten
i m ìî ^eck haben, werden vielfach ein Mittel zur Aneignung eines anmaßenden und
ŗ veil vorschnellen Halbwissens und eine nutzlose Vermögensverschwendung.