Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

182 Zweiter Teil. Handel. VII. Der Betrieb des Handels. 
stellen, wie jener große Komplex von Momenten, der hiernach als Angebot 
bezeichnet wird, „größer" oder „kleiner" sein kann als jener andere, den man Nach 
frage nennt? Kann man sich wirklich denken, daß z. B. die Begehrsintensität oder 
die Zahlungsfähigkeit gewisser Personen hier „größer" sei als eine gewisse Waren- 
menge oder gewisse Personen zahl dort, resp. daß umgekehrt eine gewisse Waren 
menge oder Personenzahl hier die Begehrsintensität oder Nachhaltigkeit dort 
„überwiegt"?! 
Offenbar kann davon nicht die Rede sein. Wer über diese Dinge nachdenkt, 
wird erkennen, daß man jene Komplexe an sich verschiedenartiger Dinge 
im Grunde nur in einer Beziehung abwägend einander gegenüberstellen kann, 
— in ihrer Beziehung nämlich zu demjenigen, um dessentwillen man sie gruppiert, 
zum Preise. 
In dieser Weise aufgefaßt, besagen jene Gegenüberstellungen aber im 
Grunde wenig. Denn „die Nachfrage überwiegt das Angebot" oder „das Angebot 
überwiegt die Nachfrage" heißt dann eben nur: „Es überwiegen zum Steigen 
des Preises anlaßgebende Momente (die man Angebot und Nachfrage nennt) über 
zum Sinken des Preises führende Momente oder umgekehrt." Desgleichen heißt 
dann: „Es sind in gewissem Falle Angebot und Nachfrage „gleich groß", 
„kommen sich einander gleich", stehen „im Gleichgewicht" usw., nichts anderes als: 
„Es halten sich zum Steigen des Preises und zum Sinken desselben füh 
rende, Angebot und Nachfrage genannte Momente in dieser Wirksamkeit 
das Gleichgewicht", und endlich: „Der Preis wird durch das Verhältnis von An 
gebot und Nachfrage bestimmt", nichts anderes als: „Der Preis wird durch das 
Verhältnis bestimmt, in welchem sich gewisse auf sein Steigen und gewisse 
auf sein Sinken hinwirkende, Angebot und Nachfrage genannte Momente 
zueinander befinden" rc. 
Daß aber mit derartigen Aussprüchen nur wenig erreicht wird, liegt auf der 
Hand. Zu sagen, daß ein Ding sinkt, wenn die zum Sinken desselben führenden Mo 
mente stärker sind als die in entgegengesetzter Richtung wirksamen, dagegen nicht sinkt, 
wenn diese und jene Momente sich das Gleichgewicht halten rc., heißt doch anscheinend 
nur Selbstverständliches äußern. Und man wäre danach versucht, jenes 
in der Gegenwart so beliebte Wort von der „Bestimmung des Preises durch das 
Verhältnis von Angebot und Nachfrage" geradezu als nichtssagend zu be 
zeichnen, wenn ihm nicht immerhin ein Verdienst nachzusagen wäre, das 
Verdienst nämlich, daß es in einer nun einmal üblich gewordenen Weife auf jene 
den Wandlungen von „Angebot" und „Nachfrage" eigentümlichen Preisgestaltungs- 
tendenzen verweist und so gewisse, für den Preis besonders wichtige 
Momente in kurzem Ausdruck wie in einem Schlagwort zusammenfaßt. 
Bei alledem ist jenes Wort andererseits aber auch gefährlich. Denn abgesehen 
davon, daß es, wie schon berührt ist, zu dem Wahne leitet, als ob jene als „Angebot" 
und „Nachfrage" zusammengefaßten Komplexe von Momenten ihrer Größe nach 
vergleichbar wären, befördert es namentlich die Vorstellung, daß in ihm wirklich 
die Gesamtheit der auf die Preisgestaltung influierenden Momente zusammen 
gefaßt wäre und demnach alle Preise des freien Verkehrs nur durch das Medium 
von Angebot und Nachfrage (in jenem Sinn) ihre Gestalt erhielten. Und das ist 
zweifellos irrig. 
Es bestimmen den Preis, und zwar gerade den hier in Rede stehenden ge 
schäftlichen Preis, daneben auch z. B. Klugheit, Umsicht und Geschicklichkeit der am 
Preiskampf Beteiligten, ferner die überkommenen Preisgestaltungen und 
daneben noch viele andere Momente, wie namentlich manche allein in den K o st e n 
vor sich gehende, Angebot und Nachfrage gar nicht berührende Änderungen.
	        
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