152 J Elftes Buch. Drittes Kapitel.
zu leisten vermochte; um das Jahr 1220 war es zu der ersten
jener plötzlichen nordischen Machtentfaltungen nach Süden ge—
kommen, die bis auf die Tage Gustav Adolfs und deren Folgen,
ja noch späterhin von so großer Bedeutung für unsere Ge⸗
schichte gewesen sind.
Freilich, nach Waldemars Tode war der Vulkan zunächst
erloschen. Der übermäßigen politischen und kriegerischen An—
strengung folgten innere Wirren; ein nach deutschem Vorbild
emporkommender Lehnsadel zerbrach die Formen des altnordi⸗
schen Königtums, die Bauern murrten; keiner der Söhne und
Enkel Waldemars, die den Thron bestiegen, ist natürlichen
Todes gestorben. Und Schleswig, ursprünglich nordisch, aber
schon damals doppelsprachig, begann sich vom Dänenreiche zu
lösen. Allein dieser Verfall dauerte nur zwei Generationen:
dann kam es mit König Erich Menved (seit 1286) zu neuem
Aufschwung: die inneren Zwiste begannen nachzulassen: in dem
Augenblick, da die deutschen Städte mit Lübeck an eine bürger—
liche Beherrschung der Ostsee als höchstes Ziel denken konnten,
war Dänemark zu neuer auswärtiger Einwirkung bereit. Sie
konnte, nach alter Erfahrung, nur den deutschen Küsten und
damit der Herrschaft im westlichen Teile der Ostsee gelten; und
noch gehörte Rügen zum dänischen Reiche.
Aber inzwischen hatte sich im Süden Dänemarks eine
Macht erhoben, die den Dänen nicht minder gefährlich werden
—D——
Nördlich der Elbe ragten von alters her die drei Gauvölker
der Stormarn, Dithmarschen und Holsten mit deutschem Volks⸗
tum bastionengleich in die nordgermanischen Lande. Und frei
vom Einfluß der deutschen centralen Entwicklung hatte die
Kultur dieser Nordelbinge sich noch bis ins 12. Jahrhundert
erhalten: noch stand hier der Overbode, entsprechend dem Ealdor⸗
man der angelsächsischen Vettern, fast unabhängig neben der
Koönigs⸗ und Grafengewalt; noch lebte ihr Bauernstand nach der
Geschlechterverfassung der Urzeit und den Gesetzen der Blutrache,
und noch besuchte ihr Volksadel in gleichem Recht mit den
Bauern die Tagung der Landsgemeinde. Eine durchgreifendere
Gewalt darüber hinweg hatte erst Heinrich der Löwe entwickelt.