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IV. Buch. Nachträge.
In ähnlicher Weise sind für ben, der sich mit der politischen Oekononnk
befaßt, auch gewisse naturwissenschaftliche Kenntnisse nothwendig, damit er sich
z. B. von den productiven Fähigkeiten der menschlichen Kraft und des Erd
bodens die richtige Vorstellung machen kann.
Ganz besonders unentbehrlich ist es endlich, daß man auch von all dem-
jenigen, was uns die Psychologie über die intellectuellen Fähigkeiten und die
Neigungen und Triebe der Menschen lehrt, genaue Kenntniß hat. Daraus
und aus den uns von der Geschichte und der Statistik gebotenen Daten lasten
sich in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit mancher menschlichen Handlungen
wirtschaftlicher Natur sehr interessante und wichtige Schlüsse ziehen. So kann
man z. B. voraussetzen, daß unter ganz bestimmten Umständen eine stärkere
oder geringere Consumtion nachtheiliger Gebrauchs- und Verbrauchsgegenstände
stattfinden wird oder daß sich bei Eintritt dieser oder jener Verhültniffe Markt
oder Monopolpreise entwickeln müssen.
Jedenfalls gehört aber die Beobachtung und Erwägung derartiger tech
nischer, physischer, statistischer u. s. w. Erscheinungen nur so weit in den Be
reich der politischen Oekonomik, als dieselben auf diejenigen Handlungen der
Menschen von Einfluß sind, welche in das Gebiet der Untersuchungen und
Schlußfolgerungen unserer Wissenschaft entfallen.
Tie enge, zwischen der ethischen und der wirtschaftlichen Seite der mensch
lichen Handlungen bestehende Verbindung darf offenbar nie außer Augen
gelassen werden; aber nichtsdestoweniger ist das häufig geschehen und ist es
vielfach zu einer förmlichen Loslösung der ökonomischen Wissenschaft von der
Ethik gekommen, die sich übrigens bereits damals voraussehen ließ, als der
Verfall der Philosophie seinen Anfang nahm, die Einsicht in die Einheit
der Wissenschaften verloren ging und sich auch die Trennung der politischen
Wissenschaft von der Ethik vollzog. Ter erste, welcher die politische Oeko-
nomie von der Philosophie loslöste, war Christian Thomasius, der am Ende
des 17. Jahrhunderts dazu schritt, und zwar im Widerspruche nicht nur
mit der christlichen Lehre, sondern auch mit den besten Traditionen der
Menschheit. Dessen ungeachtet fand er zahlreiche Nachfolger, welche taub
waren für das schöne Wort Ciceros Illa Platonis vera vox: omnem
doctrinam harum ingenuarum et humanarum artium uno quodam
societatis vinculo contineri (,Wahr ist jenes Wort des Plato, daß alle
Lehren dieser edeln menschlichen Wissenschaften burd) ein gewisses gesellschaft
liches Band verknüpft find').
Was nun die Behandlung der Probleme der politischen Oekonomie an
langt, so wäre es allerdings möglich, in der Weise vorzugehen, daß man einer-
* De oratore III, vi, 21.