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IV. Buch. Nachträge.
stände und Verhältniffe oder auch nur die Mehrheit der socialen und öko
nomischen Facta der Jetztzeit genügend aufzuhellen, aus den verhältnißmüßig
wenigen Daten, die gesammelt sind, bis zu einer bestimmten Grenze andere
Schlüsse ziehen, als der entschiedene Anhänger der corporativen Zwangs
organisation ; er wird den Menschen, deren gegentheilige Handlungsweise nicht
sozusagen actenmäßig festgestellt ist, eher eine vernünftige und humane Hand
lungsweise zutrauen, die ihnen innewohnende Kraft zu einer erfolgreichen
Initiative höher schätzen, eben weil sich sein Urtheil unter dem Einflüsse
seiner eigenen nicht schwarz sehenden Individualität, günstiger persönlicher
Erfahrungen u. dgl. gebildet hat, — während diejenigen, die Gelegenheit hatten,
in mancherlei schlimme Verhältnisse persönlich Einblick zu gewinnen, oder
dem germanischen Geiste entsprechend von einem lebhaften Corpsgeiste erfüllt
sind, eine ausgesprochene Vorliebe für die Einordnung in genossenschaft
liche Verbände bezw. die Unterordnung unter eine starke staatliche Zucht zu
besitzen Pflegen.
Gründlichere Aufschlüsse über die thatsächlich bestehenden Zustände, weitere
Fortschritte in der Psychologischen Erforschung der menschlichen Natur, denen
selbstredend auch die auf entschieden christlicher und ausgesprochen katholischer
Grundlage stehenden Oekonomisten und Sociologen die eingehendste Aufmerk
samkeit schenken müssen — denn die christliche und insbesondere die katholische
Lehre entscheiden ja nur über die Grundprincipien der Socialwissenschaft und
der Volkswirtschaftslehre —, werden zwar das Feld, auf dem auch noch unter
den Katholiken Meinungsverschiedenheiten stattfinden können, erheblich ein
schränken, es aber nicht zuwege bringen, daß in Zukunft ein solches Gebiet,
innerhalb dessen Grenzen Fehden entstehen und sehr verschiedenartige Maßregeln
angewandt werden können, nicht mehr existiren wird.
Darum ist denn nicht zu verwundern, wenn auch unter den christlichen
und sogar unter den katholischen Gelehrten erhebliche Meinungsdifferenzen be
stehen und sich innerhalb dessen, was man im großen und ganzen die christ
liche Schule nennen kann, verschiedene, zum Theil recht weit auseinander gehende
Richtungen gebildet haben.
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Länder des französischen
Sprachgebietes. Hier hatten schon Männer wie Graf Joseph de Maistre
und Vicomte Louis de Bonald, wenn sie gleich selbst keine volkswirtschaft
lichen Schriftsteller waren, doch durch ihre politischen Schriften den Boden
für eine auf dem Standpunkte des Katholicismus stehende systematische Be
handlung der ökonomischen Fragen bereitet. Auch der katholische Demokrat
Bûchez, welcher in den vierziger Jahren dieses Jahrhunderts seine Idee der
Cooperativassociation zuerst verwirklichte, trug zur Verbreitung der ethischen
Auffassung der wirtschaftlichen Fragen bei.