6. Kap. Die Geschichte der ökonomischen Wissenschaft.
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die Abhandlung Fr. N a u m an ns 1 hingewiesen. Beide stehen natürlich auf
ethischem Boden und huldigen einer energischen Einmischung des Staates
in die einschlägigen Fragen. Das Gleiche gilt von Ziegler 2 und von
Karl Fischers denen sich noch andere Schriftsteller gleicher Richtung an
reihen lasten.
In neuester Zeit hat ein Theil der von christlich-ethischen Gesichtspunkten
ausgehenden Socialpolitiker und Autoren Deutschlands sehr gefährliche Bahnen
eingeschlagen. Es wird von diesen Elementen, die indessen unter sich selbst
über die von ihnen zu verfolgenden Ziele nicht vollkommen einig sind, in
einer Weise mit dem eigentlichen Socialismus geliebäugelt, daß sich zwischen
ihnen und den Anhängern der gemüßigtern Richtung unter den gläubigen
Protestanten, namentlich aber zwischen ihnen und dem ganz und gar über
wiegenden Großtheil der katholisch gesinnten Autoren und Politiker eine unüber
brückbare Kluft geöffnet hat. Wir nennen hier nur den eben erwähnten
Fr. Naumann. Welche Stellung der frühere preußische Hofprediger
A. Stöcker in Zukunft einnehmen wird, läßt sich noch nicht mit Be
stimmtheit voraussagen. Jedenfalls ist dieselbe entschieden eine andere als
die Fr. Naumanns.
Man sieht hier, wie sehr es im protestantischen Lager an einer leitenden
Autorität fehlt, wie sie die Katholiken im Römischen Stuhle besitzen; dieser
weiß doch bedenklichen Tendenzen unter den Katholiken, wie sie neuestens
namentlich in Belgien auftraten, Halt zu gebieten und dem Gebiete, auf dem
Katholiken arbeiten und streben können, Schranken zu ziehen, welche zwar
ein weites Feld der Thätigkeit offen lasten, aber die Verfolgung gewiffer Ziele
durchaus unerlaubt und für gehorsame Söhne der Kirche unmöglich machen.
Eine besondere Stellung nimmt wieder Rudolf Meyer ein. Dieser
Schriftsteller steht sozusagen mit einem Fuße in dem altkonservativ-agrarischen
Lager Norddeutschlands, als Anhänger der von den Socialisten übernommenen
Werthentstehungstheorie der ultraliberalen Manchestermänner, mit dem andern
mitten in dem der modernen Socialdemokratie. Er ist einer der entschiedensten
Feinde des Kapitals, das er als Kapitalismus bekämpft, und befürwortet
ein gewisses Zusammengehen mit den Socialisten, obgleich er aus seinen Prä
missen nicht sämtliche Folgerungen zieht 4 .
Selbstverständlich müssen wir uns hier dabei bescheiden, nur die Namen
einiger typischen Vertreter einer jeden Richtung zu erwähnen.
' Daö sociale Programm der evangelischen Kirche. Erlangen u. Leipzig 1891.
* Die sociale Frage eine ethische Frage. Stuttgart 1891.
* Grundzüge einer Socialpädagogik und Socialpolitik. Eisenach 1892.
* Rudolf Meyer, Der Emancipationskamps des vierten Standes. I. Bd.,
2- Anst, Berlin 1882; II. Bd. ebb. 1875; Der Kapitalismus fin de siècle. Wien 1894