Full text: Schragen der Gilden und Aemter der Stadt Riga bis 1621

Der Aufschwung der Handwerksämter im i6. Jahrhundert. 
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Zurufen. In Dorpat wurde dadurch gelegentlich ein grosser Skandal 
Veranlasst. Eines Kürschners Töchterlein, das gleich der Tochter 
eines Kaufmanns geschmückt, zur Kirche ging, wurde im Aufträge 
^es Raths von einigen Stadtknechten ergriffen und „ihres Schmuckes 
v^or aller Welt beraubet und beschämt“. Zur Beilegung derartiger 
Zwistigkeiten ordnete Meister von Plettenberg einige Adlige ab, 
denen es in der That gelang ein friedliches Einvernehmen herzu- 
^^Gllen. Jedoch nur äusserlich, denn, wie Küssow bemerkt, „so ist der 
^^te (iroll bei denen vom Adel und den Bürgern und bei den Kauf- 
^^uten und Handwerkern allewege geblieben und hat sich täglich 
vermehrt, bis dass der grosse Weihe über sie alle geflogen hat“. 
^^ei den Schilderungen, die Küssow von der Üppigkeit der 
^ochzeitsfeiern und Kindtaufen entwirft, ist zwar nur von Adeligen 
^J*d Kaufleuten, nicht auch von Handwerkern die Rede. Aber 
^’cherlich standen diese in ihrer Art den (Genannten nicht nach, 
^nd wenn Küssow sagt': „die Bürger und die Kaufleute in den 
‘Städten haben sich des Überflusses, der Hoffahrt, Pracht und 
^^ahlerei auch nicht wenig befleissigt“, so wird er dabei an die 
Handwerker gleichfalls gedacht haben, die ja zu den Bürgersleuten 
S^hören. Aus seinen Worten: „wenn Mancher das Silber und 
^old haben möchte, was eines gemeinen Bürgers Frau und Tochter 
'*1 der Zeit auf der Hochzeit getragen hat, so könnte er einen 
^'^mlichen Handel und Wandel damit wohl führen und sich sammt 
^^>nem Weibe und Kinde billigermaassen damit wohl ernähren“, 
'''■'■d man entnehmen dürfen, dass in gewissen Handwerkerkreisen 
Wohlstand ein grosser war und ihnen jenen getadelten Prunk 
ermöglichte. Die behäbige Lage des Handwerkerstandes führte 
Einzelnen darauf, es auch in geschäftlicher Beziehung den Kauf- 
euten gleich zu thun, was diese ihnen selbstverständlich gewehrt 
'^'ssen wollten. Ein Handwerksmann sollte in Reval weder in 
ill'll Hafen noch vor der Pforte etwas kaufen dürfen und über- 
mit einem fremden und reisenden Kaufmanne keinen Verkehr 
j^^‘^gen. So bestimmte eine Verordnung, der die (iewerbetrei- 
^'^den sich nicht fügen wollten, während in den maassgebenden 
^reisen man durchaus nicht geneigt war den Handwerkern den 
/^trieb von kaufmännischen (ieschäften zuzugestehen, denn „ein 
Solde und muste sich io vor allen dingen ahn siner vocation 
^^tigen laten^‘. Bei diesen auf einander prallenden Gegensätzen 
ïï^^te man in Reval nichts besseres zu thun als sich nach Lübeck 
a. O., S. 80, 81.
	        
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