Object: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

Sonderbildungen des deutschen Wesens in Flandern und Holland. 303 
Die deutsche Königsmacht fand ihren Hort jetzt auf kolonialem 
Boden, das Mutterland trat zurück. 
Es ist die entscheidende Wendung; seit dem 14. Jahrhundert 
folgen alle Mächte, die sich des Besitzes der Königskrone an— 
nehmen, dem Zuge nach Osten. Allen überlegen die Luxemburger. 
Indem sie die Gewalt über den gesamten kolonialen Osten an⸗ 
streber,, geraten sie in Widerstreit mit den Habsburgern; nur 
durch den Umstand, daß Habsburg schließlich Luxemburg beerbt, 
wird eine große Katastrophe vermieden. Während sich aber im 
Süden des Koloniallandes nun das habsburgische Haus zu einer 
Weltmacht erhebt, der die Krone des deutschen Reiches mühelos 
in den Schoß fällt, wächst im Norden langsam, doch aus kraft— 
voll gelegtem Keime Brandenburg hervor; auch hier wird der 
koloniale Osten zum Führer der deutschen Geschicke. Die politische 
Rivalität, die einst zwischen Mutterland und Kolonialland 
herrschte, ist nun übertragen auf die beiden Großmächte des 
kolonialen Bodens selbst; mit ihrem Widerstreit erfüllt sich die 
nationale Geschichte. 
Indem aber die Krone des neuen Reiches in unsern Tagen 
schließlich an Preußen fällt, scheint ein Ausgleich zwischen Mutter— 
land und Kolonialland näher gerückt zu sein. Ein Staat, der 
ursprünglich nur im kolonialen Norden heimisch war, konnte 
nicht Norden und Süden des Mutterlandes zugleich führend 
beherrschen. Preußen wäre hierzu untauglich gewesen, hätte es 
sich nicht als Frucht der kriegerischen Ereignisse des 19. Jahr⸗ 
hunderts große Teile des Mutterlandes, Rheinland und West⸗ 
falen, dann die Eroberungen des Jahres 1866 einwerleibt. 
So ist es kein eigentlicher Kolonialstaat mehr; altheimische und 
koloniale Lande zugleich umfassend, ist es recht eigentlich zum 
Mittler der älteren und der jüngeren deutschen Entwickelungen 
geworden. 
Derart weisen die jüngsten Geschicke unseres Reiches zurück 
auf die kolonisatorischen Vorgänge des 12. bis 14. Jahrhunderts 
und beweisen eben dadurch deren unendliche geschichtliche Be— 
deutung. Noch mehr aber stehen die Geschicke des deutschen 
Vaterlandes auch der Gegenwart, dessen Lande ja weit
	        
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