300 V. Die Motive der Zunftbildung im deutschen Mittelalter.
besondere religiöse Verbände gehen nicht den Zünften voraus;
sie spalten sich vielmehr von ihnen erst später ab. Seit dem
14. Jahrhundert sondert sich bei größeren Gewerben von der
gewerblichen Zunft ein religiöser Verein!). Es ist begreiflich,
daß, nachdem der wirtschaftliche Kreis lange als Verband ge-
lebt, die Vertreter des betreffenden Gewerbes jetzt auch im Dienst
des religiösen Zwecks beisammen bleiben. Doch wurde die
Identität beider Kreise nicht ganz scharf aufrechtgehalten?);
ein Beweis mehr dafür, wie wenig es sich empfiehlt, in die
Periode vor dem Aufkommen der Zünfte Verbände von Ver-
tretern des gleichen Handwerks ohne wirtschaftlichen Zweck
zu verlegen.
Wie die vorstehenden Darlegungen zeigen, spiegeln die
Zunftbriefe einen großen Vorrat von Forderungen und Zie-
len der Handwerker wieder. Ohne Zweifel beruht das, was
sie so erstreben, auf Beobachtung eines längeren Zeitraums.
Erst auf Grund einer zum mindesten jahrzehntelangen Praxis
konnte man dahin gelangen, diese formulierten Wünsche vor-
zutragen und sie ins Werk zu seßen. Von hier aus führt uns die
Betrachtung der Zurnftbriefe zu dem Resultat, daß der urkund-
lich belegten deutschen Handwerksgeschichte eine längere Vor-
geschichte vorausgegangen sein muß, und hierin liegt wiederum
ein neuer Beweis gegen die hofrechtliche Theorie, indem wir
zu der Annahme genötigt werden, daß ein freies Handwerk
ein selbständiges Leben zu einer Zeit geführt hat, in der nach
ihr die Autarkie des Fronhofs herrschte.
Anhang.
Es sei zum Schluß hier noch auf eine Reihe von Arbeiten
hingewiesen, in denen man weitere Belege für unsere Darstel-
lung findet. Der Mehrzahl nach handelt es sich um Freiburger
Dissertationen.
1) Vgl. v. Lösch S. 134 (s. auch S. 44 Anm. 3).
2) Vgl. v. Lösch S. 135; der Zutritt zur kirchlichen Bruderschaft
wurde nicht immer gefordert, sondern auch freigestellt.