73
Diese Tendenz realisiert sich zwar in einem gewissen Zeit
raum oder, wie man gewöhnlich sagt, »in letzter Linie«, für die
Industrie aber ist es vollkommen genug. Der Geldabfluß nach
Ausland ist gewöhnlich eine Begleiterscheinung der Industriekrisen
und in der nachfolgenden Zeit der Depression kehrt das Gold aus
dem Auslande wieder zurück. Die Länder, die ihre Staatsfonds
bei sich zu Hause placiert haben, können deshalb ganz ruhig eine
automatische Wiederherstellung der Handelsbilanz abwarten und
die Sorge um ihren positiven Charakter als etwas Ueberflüssiges
betrachten. In einer ganz anderen Lage befinden sich die Länder
mit einer großen auswärtigen Verschuldung, die ihre Verpflich
tungen im Auslande plaziert haben. Rußland z. B. ist verpflichtet,
für seine Anleihen dem Auslande jährlich etwa 200 Millionen
Rubel zu zahlen. Ist die Zahlung nicht pünktlich erfolgt, so be
deutet das einen Staatsbankrott. Dabei ist zu bemerken, daß der
russische Export nach Willkür nicht zu forcieren ist, da sein Um
fang hauptsächlich von der Ernte und sein Wert von den Welt
marktspreisen auf landwirtschaftliche Produkte abhängig ist. Und
zuletzt darf man nicht außer acht lassen, daß auch der Import
nach Rußland nicht jene Beweglichkeit besitzt, die dem aus
wärtigen Handel der fortgeschrittenen Länder eigentümlich ist.
Die Preise werden bei uns noch immer in bedeutendem Maße von
der Sitte reguliert und die Verminderung des Goldverkehrs im
Lande hat deshalb eine unmittelbare Einschränkung des Imports
nicht zur Folge. Unter diesen Umständen ist ein zielbewußtes
Einwirken auf die Plandelsbilanz keineswegs ein »Mißverständnis«,
sondern eine der Hauptaufgaben der Finanzpolitik. Gewiß, je
größer der Goldvorrat im Lande, desto geringer die Gefahr unan
genehmer Ueberraschungen. Die Anhäufung großer Goldvorräte
in den neunziger Jahren vermochte deshalb wenn nicht ganz, so
doch in bedeutendem Umfange den Einfluß schwächen, den dieser
Umstand in der Zollpolitik Rußlands ausiibt.
Wenden wir uns nun der dritten Aufgabe unserer Zollpolitik
zu: der Förderung der Industrie. Professor Soboleff kommt in
seiner Untersuchung zum Schluß, wonach der Zollschutz in Ruß-
dem Stand der Handelsbilanz und dem Wechselkurs kein Parallelismus zu
verzeichnen ist. ... Im Gegenteil, man kann eher eine umgekehrte Proportio
nalität zwischen dem Quantum des Papiergeldes und dem Wechselkurs kon
statieren. Je größer die Zahl des vorhandenen Papiergeldes, desto niedriger
ist der Wechselkurs und umgekehrt.« Soboleff, 1. c. S. 411—414.