52 Buch 1. Kap. 2. Entwickelungsgang der Volkswirthschaftslchre.
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Uebrigens gleicht der Entwickelungsgang der Bolts
lvirthschaftslehre demjenigen fast aller anderen Erfahrungs
lvissenschaften. Anfänglich tvurden zunächst ^Anleitungen zur
förderlichen Leitung der wirthschaftlichen Angelegenheiten zu
geben, rued Ideale zweckmäßig geordneter volkswirthschaftlicher
Zustände aufzustellen gesucht. Jene loie diese fußten ans
zeitlich herrschenden Anschauungen und hieraus abgeleiteten
Grundgedanken. Wegen zu großer Verschiedenheit der je
wellig maßgebenden Verhältnisse konnten dieselben jedoch
niemals allgemeingiltig sein, sondern allerhöchstens dem Ent
wickelungsstande mit» den damit verbundenen Bedürfnissen
einer bestimmteil Volkswirthschaft innerhalb begrenzter Zeit
entsprechen. Hierauf, nachdem dies mehr oder weniger ein
gesehen worden, folgten alsdann Widerlegungen der bis
herigen Auffassungen, welche bei Begründung der gegen letztere
zu machenden Einwendungen zunächst theilweise wieder, wie
es beim Bestreiten von Meinungen durch ebensolche zu ge
schehen pflegt, in geradezu entgegengesetzte Einseitigkeiten
verfielen. An näherer Untersuchmlg der sich widersprechen-
den Ansichten und der nun ausgiebiger vorliegenden That
sachen, welche zu schrittweiser Berichtigung jener luid besserem
Verstehen dieser hinführte, aber zeitigte schließlich die Erkennt
niß, daß es darauf ankomme, die Ursachen und den Zusammen
hang der in der Volkswirthschaft erfolgenden Vorgänge ihrer
Regelmäßigkeit nach zu ergründen.
Die Frage: „was soll sein und wie soll es sein?" ist über
all weit früher aufgeworfen worden, als die anscheinend näher
liegende: „was ist, warum ist es, wie ist es so geworden?"
Ueber erstere kann sich Jeder allerlei Gedanken machen, während zur
erschöpfenden Beantwortung letzterer, aus der dann allerdings
auch folgt, „was unter bestimmteil Voraussetzungen sein wird",
insofern Alles in unaufhörlichem Werden begriffen, nur durch
fortgesetzte wissenschaftliche Forschung zu gelangen ist.