Weltanschauung.
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Dämmernde, Unheimliche, Ungeheure, Symbolische, Mystische, im
Falle stärkerer Erregtheit die unbestimmte Empfindung der Angst,
der Furcht und verwandter Gefühle. Sollen nun diese Zu—
stände der Unlust aufhören — falls sie nicht etwa perverser
Weise als Lust empfunden werden — so bedarf es ihrer selbst—
thätigen Auslösung durch die Phantasie dessen, der ihnen
unterworfen ist, und diese Auslösung erfolgt in der Art, daß
sich der bloße, beinahe rein nervöse Reizvorgang nun mit
gegenständlicherem Inhalte anfüllt.
Dies ist das eigentlich Charakteristische, und hieraus er—
klärt es sich, wenn die moderne Kunst nicht mehr nach ihrem
positiven, stofflichen Vorstellungsgehalte bestimmt werden kann,
sondern mehr nach ihrem psychologischen und neurologischen
Wesen, nach einer also fast nur innerlichen und gleichsam
formalen Bedingtheit: daher kein Gefühl, sondern Stimmung,
keine Willensäußerung mit Willensgehalt, sondern Vorgang des
Wollens an sich, Trieb, Streben; und ebenso nicht Denkinhalt
zunächst, sondern Denkvorgang. Wie es Bahr einmal ausgedrückt
hat: „Vordem begnügte sich die Litteratur mit den Thatsachen
der Gefühle, deren Wesen und Weise vorausgesetzt wurden, und
deren bewegende Kraft nur die Handlung führen und die
Charaktere bestimmen sollte. Aber das Gefühl selber wurde
gar niemals durchforscht, untersucht, zergliedert, um ihm den
Prozeß zu machen und seinen Steckbrief aufzunehmen. Jetzt ist
es umgekehrt. Was jenen die Hauptsache war, die Spannung
rascher, reicher und bewegter Handlung und die Versammlung
seltener und bizarrer Charaktere, das achten wir gering. Das
Werkzeug von einst zur Gestaltung des Gegenstandes ist selber
jetzt Gegenstand geworden, das Mittel zur Bewegung und
Leitung des Vorwurfes selber Vorwurf, und eine neugierige,
unerbittliche, rastlose Enquete ist eröffnet worden über alle Ge—
fühle in der Brust des Menschen, wie sie sind, wie sie wachsen
und wechseln, wie sie verlaufen.“ So erklärt sich der Charakter
der neuen Phantasiethätigkeit, wie wir diese in Musik, bildender
Kunst und Dichtung gefunden haben. Die Musik wirkt durch
den Übergang zum vorwiegend Chromatischen und ein Heer
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