Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Erstes  Buch.  Die  Begründer.

Um  zu  vermeiden,  Boden  einer  geringeren  Kategorie  in  Angriff
zu  nehmen,  gibt  es  noch  ein  anderes  Hilfsmittel.  Es  besteht  darin,
in  der  Ferne  durch  Auswanderung  und  Kolonisation  Felder  zu
erwerben,  die  den  Feldern  erster  Kategorie  gleichwertig  sind,  oderbesser,
  einfach  die  Erzeugnisse  dieser  überseeischen  fruchtbaren  Felder
zu  kaufen  und  dafür  industrielle  Erzeugnisse  in  Tausch  zu  geben,
auf  die  das  Gesetz  des  sinkenden  Bodenertrages  keine  Anwendung
findet.  Hierbei  muß  jedoch  noch  die  Arbeit  des  Transportes  in  Betracht ­
  gezogen  werden,  die  sich  der  Erzeugungsarbeit  anfügt,  und
die  das  gleiche  Resultat  ergeben  wird,  nämlich  eine  Bodenrente  für
die  dem  Markt  näher  gelegenen  Grundstücke,  eine  Bodenrente,  die  sich
aus  der  Überlegenheit  der  Lage  erklärt,  oder,  wie  J.-B.  Say  sagt:
„Entfernung  wirkt  wie  geringere  Fruchtbarkeit.“  In  Amerika  gibt  es
Felder,  die  das  Getreide  zu  10  Fr.  den  Hektoliter  erzeugen;  wenn
es  aber  notwendig  wird,  für  den  Transport  5  Fr.  Fracht  zu  zahlen,
so  ist  es  klar,  daß  das  nach  England  gelieferte  Getreide  15  Fr.  wert
ist,  d.  h.  genau  ebensoviel,  als  -wenn  man  dort  Felder  zweiter  Kategorie ­
  in  Angriff  genommen  hätte.  Die  Eigentümer  der  Felder  Nr.  I
in  England  werden  daher  ebenfalls  eine  Rente  von  5  Fr.  erhalten.
Dieses  dritte  Hilfsmittel  wird  jedoch  von  Ricaedo  kaum  erwähnt,
und  er  konnte  in  der  Tat  damals  noch  kaum  voraussehen,  welche
außerordentliche  Entwicklung  ein  halbes  Jahrhundert  später  hierin
eintreten  würde,  eine  Entwicklung,  die  das  Gesetz  der  Bodenrente
in  unseren  europäischen  Ländern  Umstürzen  und  all  die  Drohungen,
die  es  -in  sich  barg,  Lügen  strafen  sollte 1 ).

Sterling  100  Zentner  Getreide  gewinnt  und  wenn  er,  infolge  der  Aufwendung  eines
weiteren  Kapitals  von  1000  Pfund  Sterling  einen  Mehrertrag  von  85  Zentnern  erzielt, ­
  so  würde  der  Besitzer  berechtigt  sein,  von  ihm  16  Zentner  oder  deren  entsprechenden ­
  Wert  zu  verlangen,  denn  für  den  Profit  kann  es  nicht  zwei  verschiedene
Sätze  geben“  (S.  43).  Er  will  damit  sagen,  daß  die  Kente  notwendigerweise  in
Erscheinung  tritt,  wenn  die  Höhe  des  Gewinnes  infolge  der  geringeren  Ertragsfähigkeit ­
  der  neuen  Kapitalien  sinkt.  Denn  die  Kente  ist,  wie  das  Wort  schon  sagt,  der
Teil  des  Ernteertrags,  der  nach  Abzug  des  Gewinnes  und  der  Löhne  übrig  bleibt.
Diese  Darstellung  nähert  sich  (wie  Eicardo  zugibt)  der  eines  anderen  englischen
Schriftstellers,  Edward  West,  in  dessen  1815  veröffentlichten  Buch:  Application
of  Capital  to  Land.
*).  Kurze  Zeit  darauf  gab  ein  Deutscher,  selbst  ein  Großgrundbesitzer,  ein  Buch
heraus,  das  sich  mit  der  Untersuchung  gerade  jener  Seite  der  Eentenfrage,  die  Eicardo
vernachlässigt  hatte,  befaßte,  d.  h.  mit  dem  Einfluß  der  Entfernung  vom  Markt  auf
die  Bewirtschaftung  und  auf  den  Preis  der  Erzeugnisse.  Es  war  das  y.  Thünbn,  der
in  seinem  Buch:  „Der  isolierte  Staat“  (der  erste  Band  erschien  1826)  das  Bild
einer  Stadt  aufstellte,  die  von  einem  bestimmten  Landhezirk  umgeben  ist.  Er  weist
nach,  auf  Grund  welcher  Gesetze  die  Bewirtschaftung  sich  in  konzentrischen
Zonen  um  den  Mittelpunkt  anordnen  wird,  und  wie  jedes  der  Wirtschaftssysteme
zu  der  Entfernung  in  Beziehung  steht.
            
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