30 Fünftes Buch. Zweites Kapitel.
höheres Gebiet ihrer Anwendung, die Pflanzenornamentik, ver⸗
wiesen; darüber hinaus wurde die Fähigkeit zu einer völlig neuen,
freilich noch sehr rohen und durchaus typisch gehaltenen Re⸗
produktion der Außenwelt überhaupt in der Federzeichnung
entwickelt. Diese Fortschritte vollzogen sich dann nicht, ohne
neben der Aufnahme fremder Fähigkeiten zugleich die eigene,
die nationale ästhetische Anlage zu fördern: in der Entfaltung
der scenischen Auffassung machte sich sofort der germanische
Zug zum Bedeutenden selbst auf Kosten der Harmonie und
Symmetrie geltend, und die Darstellung des Menschen führte
zur Durchbildung eines rein germanischen Schönheitsideals des
menschlichen Körpers.
Schwieriger zu erkennen sind die Früchte, welche die
dichterische Bewegung der Renaissance dem deutschen Wesen ein—
getragen hat. Denn hier konnte nicht, wie in der bildenden
Kunst, eine unmittelbare Rezeption zur Wirkung gelangen:
die Dichtung wurde durch eine fremde, erst anzueignende Sprache
vermittelt, während die bildende Kunst fast so sehr, wie die
Musik, den Vorteil einer allgemein menschlichen, internationalen
Formensprache besitzt.
Hierin liegt wohl der hauptsächlichste Grund dafür, daß die
Dichtungen der Renaissance auf die poetische Anschauung der
germanischen Stämme anscheinend so gut wie nicht gewirkt haben:
freilich waren Epigramm und Epistel, Idyll und Lehrgedicht,
die den Germanen noch völlig unbekannten Hauptgruppen der
Karlingischen Litteratur, auch an sich möglichst wenig geeignet,
irgendwelche dichterische Einflüsse zu vermitteln. Umnmittelbar
am Ausgang der frühkarlingischen Dichtung steht der sächsische
Heljand! (etwa ums Jahr 830), eine geschickte Ubertragung des
Lebens Christi in die Formen der einheimischen Dichtung; wohl
ist in ihm der Einfluß des stammverwaudten angelsächsischen
Epos, nirgends dagegen derjenige der Renaissance zu spüren.
Soweit die fremde, lateinische Welt Anschauungskreis und
Vorstellungsart der deutschen Dichtung berührte, geschah das
1S. unten: 6. Buch, 2. Kapitel, V.