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halb ist das sozialistische Denken das beste Beispiel für den
Einfluß der Technik auf den Geist.
In der Politik tritt der Zusammenhang zwischen ge—
sellschaftlichem Sein und Denken auch deshalb viel klarer
zurage, weil die Politik das Wollen, das Begehren, das
Streben, das Denken, das Handeln im Staate, das ganze
moderne Staatsleben aller Klassen in sich faßt, weil der
Staatsbürger, der in unserem Staate politische Rechte be—
sitzt, über die ganze Gesellschaft und ihre Teile nachdenken
muß und also buchstäblich in seinem ganzen Geistesleben
von dem Wandel der Gesellschaft betroffen wird.
Welche politische Frage ist nun die wichtigste, die all—
gemeinste und kann uns deshalb am besten als Beispiel
dienen?
Es ist die so ziale Frage, die Frage des
Kampfes zwischen Arbeit und Kapital.
Diese Frage selbst ist durch das Kapital, das heißt
also durch die Entwicklung der Produktivkräfte entstanden.
Und aus der Art und Weise, wie die Menschen sich zu
dieser Frage stellen, kann man am besten erkennen, wie das
Wachstum der Technik sie zu anderem Denken zwingt.
Gab es zum Beispiel vor sechzig Jahren viele Leute,
die daran dachten, einen gesetzlichen Arbeitstag für die
Proletarier, oder Frauen- und Kinderschutz, oder eine Un—
fallversicherung einzuführen? Sie kamen nur vereinzelt
vor, und die daran dachten, hatten aus höher entwickelten
kapitalistischen Ländern Mittetlungen von solchem Arbeiter—
schutz erhallen. Vor hundert Jahren dachte wahrscheinlich
noch niemand daran.
Wie ist dieser schöne Gedanke, daß das Proletariat
bon der Gesellschaft geschützt werden muß, in die Geister
gekommen? — —
Christlicher Sinn kann ihn schwerlich eingeflößt haben,
denn auch bevor die Geister sich derart umwandelten, star—
ben Tausende und Abertausende von Arbeitern an Ueber—
anstrengung, Krankheit, Mangel und Unfällen, Tausende
und Abertausende hatten ein elendes Greisenalter. Und
dabei gab es Christen genug. Daß man damals nicht an
Staatshilfe dachte, muß also eine andere Ursache haben.
Und diese ist nicht schwer zu entdecken. Das Prole—
tariat hatte damals noch keine Macht, und konnte die
Besitzenden also noch zu nichts anderem zwingen als zur
privaͤten Wohltätigkeit und ein bißchen Amenpflege.
Daß es damals noch keine Macht besaß, lag am Pro⸗
duktionsprozeß, der die Arbeiter noch nicht organi—