Full text: Der Weltverkehr und seine Mittel

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Kanal-- und Wcgebautcn. Erfindung der Eisenbahn. 
Die Eisenbahnen haben zwar den Landstraßen ihre Bedcntnng als Verbindungs- 
mittel auf ausgedehnten Entfernungen geraubt, aber man irrt sehr, wenn man glaubt, 
daß diese Verkehrsvermittler vollständig überflüssig geworden sind und der Straßenbau 
selbst eine Einschränkung erfahren hat. Die Landstraßen dienen zwar vielfach nicht mehr 
zum Transport schwerer, weit zu befördernder Lasten, aber sie haben als Zubringer der 
Eisenbahnlinien und als Verbindungswege der einzelnen Orte untereinander außerordentlich 
an Bedeutung gewonnen. Als Beweis kann die Thatsache gelten, daß z. B. in Deutsch 
land sich die Zahl der Landfuhrwerke nicht vermindert, sondern sogar erheblich vermehrt 
hat. In Baden hat der Verkehr auf den Landstraßen in der Zeit von 1851 —1873 auf 
83 °/ 0 derselben zugenommen oder wenigstens nicht abgenommen, und nur für 17 °/ 0 der 
Straßen ist eine Verringerung des Verkehrs festgestellt worden. Letztere Straßen laufen 
meistens Eisenbahnlinien Parallel. Den deutlichsten Beweis der zunehmenden Bedeutung 
der Straßen liefert jedoch das immer dichter werdende Landstraßennetz selbst. Welche 
erhebliche Mittel auf den Ausbau und auf die Unterhaltung der Straßen verwendet 
werden, ergibt sich beispielsweise daraus, daß in Preußen die Wegebankosten von 1876 
bis 1891 rund 445 Millionen Mark betragen haben. 
Während Frankreich am Ende des vorigen Jahrhunderts 26 000 km Hauptstraßen 
besaß, zählte es im Jahre 1870 etwa 86 000 km solcher Straßen, und außerdem be 
standen 240 000 km Vicinalstraßen, durch welche alle Dörfer untereinander in Ver 
bindung gesetzt waren. 
Für Deutschland ist über die Wegebauten einzelner Bundesstaaten das folgende anzuführen. 
In Preußen gab es nach den Befreiungskriegen nur 3150 km Chausseen, davon eni- 
fielen auf Ostpreußen kaum 10 km. Seit dem Jahre 1876 sind sämtliche Staatsstraßen den 
Provinzial- resp. den Kommunalverbänden überwiesen. Die Gesamtlänge der Kunststraßen 
betrug zu diesem Zeitpunkte rund 65 000 km. Bis zum Jahre 189t war dieses Netz auf 
86 500 km angewachsen. Am dichtesten ist das Straßennetz in der Provinz Hessen-Nassau, 
am wenigsten verzweigt ist es in Pommern und Ostpreußen. Sachsen hat 3642 km Staats 
straßen. In Württemberg besaß das Staatsstraßcnnetz im Jahre 1895 eine Länge von 
2728 km. Baden erfreut sich hinsichtlich seiner Landstraßen mit Recht eines besonderen 
Rufes. Bis zum Jahre 1898 hatten die Kreisstraßen eine Länge von 1187 und die Kreis- 
gcmeindcwege eine solche von 4993 km erreicht. In Hessen umfaßte das Kunststraßcnnetz 
im Jahre 1896 Staatsstraßen von 1865 und Kreisstraßen von 2322 km Länge. Bayern 
besitzt Staatsstraßen von 7000 km Länge, daneben bestehen 16 890 km Distriktstraßen. 
Mit Recht wird die Erfindung der Eisenbahn immer wieder mit den schönsten 
Worten gepriesen, gehört sie doch unstreitig zu den weittragendsten Leistungen des 
menschlichen Geistes, und sie ist als der mächtigste Kulturhebel des modernen Zeitalters 
zu bezeichnen. In der Geschichte der Zivilisation wird der Entwickelung des Eisen 
bahnverkehrs stets ein hervorragender Platz gesichert bleiben. Erst sieben Jahrzehnte 
sind dahingegangen, seitdem das Dampfroß zum erstenmal fauchend über die eiserne 
Bahn eilte, und schon kann behauptet werden, daß zu keiner Zeit je eine so gewaltige 
Umgestaltung in allen Verhältnissen der Menschen bewirkt worden ist. Zutreffend hat 
Buckle in seiner „Geschichte der Zivilisation" gesagt: „Die Lokomotive hat mehr gethan, 
um die Menschen zu vereinigen, als alle Philosophen, Dichter und Propheten vor ihr seit 
Beginn der Welt." Der eiserne Kanzler, Fürst Bismarck, sprach am 1. April 1890 
die Worte: „Es sind in unserer Zeit zwei Pole, um welche sich die materielle Entwickelung 
bewegt, Kohle und Eisen. Die Verschmelzung, die Zusammenwirkung dieser beiden 
Elemente ermöglichte das Eisenbahnwesen, ohne dasselbe würde diese enge Verbindung 
nicht stattfinden. Erst durch dieses Beförderungsmittel ist die ganze moderne Entwickelung 
bewirkt worden, und so sind die Eisenbahnen, ihre Leiter und Beamten die eigentlichen 
Träger der Kultur." Durch die Eisenbahn ist nicht nur das Wissen vermehrt und 
verbreitert, sondern auch ein starker Einfluß auf die gesellschaftlichen Zustände aus 
geübt worden. 
Die Verbindung der Menschen untereinander hat durch die eingetretene außer 
ordentliche Verbilligung und Erleichterung des Reifens, wie nicht minder durch die er 
mäßigten Postgebühren eine früher für undenkbar gehaltene Förderung erfahren. Durch 
die Eisenbahnen ist es erst für den größeren Teil der Menschen möglich geworden, aus
	        
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