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d. Gott ist gerecht und da gleichwohl hier auf Erden häufig
Tugend mit Unglück, Laster aber mit Glück gepaart ist, so
zwingt uns nicht nur die praktische Vernunft, sondern auch
unser religiöses Gefühl zu dem Glauben, daß es noch eine
höhere Weltordnung gebe, wo nach unserm Tode Tugend und
Laster findet, was es verdient.
e. Wäre der Mensch der Hoffnung auf Unsterblichkeit beraubt,
so würde er das elendeste von allen Geschöpfen aus Erden
sein, das zu seinem Unglück über seinen Zustand nachdenken,
den Tod fürchten und verzweifeln müßte. Nicht ein gütiger
und gerechter Gott, der die Glückseligkeit seiner Geschöpfe will
und sich daran freut, sondern ein schadenfrohes, boshaftes
Wesen müßte den Menschen mit Vorzügen begabt haben, die
ihn nur bejammernswerther machten; denn wenn er die Wahr
heit erkennen, die Tugend üben, den Schöpfer verehren, wenn
er über Schönheit und Vollkommenheit in Entzücken gerathen
wollte, so stiege zugleich der schreckliche Gedanke der Zer-
nichtung wie ein furchtbares Gespenst in seiner -Lcele empor
und verwandelte die gehoffte Freude in Verzweiflung. — Doch
ein scharfprüfender Blick auf die uns umgebende Welt zeigt
uns wunderbare Harmonie, überall Offenbarungen der Güte,
Weisheit und Macht dessen, der das Alles geschaffen und
bisher erhalten hat. Und da sollten wir noch oit der Gerech
tigkeit Gottes und deshalb auch an dem Fortbestehen unseres
geistigen und seelischen Lebens zweifeln dürfen? Nein! ant
wortet unsere Vernunft und nein! ruft in uns die Stimme
des religiös-sittlichen Gefühls und des Gewissens.
f. Die Schöpfung selbst giebt die Lehre, daß nichts in ihr un
vollendet bleiben kann; alles Seiende entwickelt sich in mannig
fachen Uebergüngen und Wandlungen zu seiner vollen Wesen
heit. Da sollte der Mensch, die Krone der Schöpfung, allein
in Zweifel kommen, wandeln, scheiden und unvollendet ohne
Erreichung einer größeren Vollkommenheit und einer höheren