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für ļid) haben. Unter allen Verhältnissen bleibt es ein sonderbarer
Freisinn, welcher auf allen Gebieten die Interessen des Volkes be
kämpft. Wer den unteren Klassen oder überhaupt belasteten Klassen
helfen will, muß zuerst ein Herz, ein mitfühlendes Begreifen für
Leiden haben. Wer aber, wie Archimedes zu den Barbaren, zum
Gefühle sagt: „Störe mir meine Zirkel nicht!" dem ist Empfindungs
losigkeit Wissenschaft und Härte Vernunft. Diese Leute machen die
Sentimentalität als überwundenen Standpunkt lächerlich und stoßen
fich sogar an dem Worte „Arbeiterfreund". Diese Sucht, allem,
was irgend an das Gefühl anstreifen könnte, aus dem Wege zu
gehen, ist eine der modernen Krankheiten, die deshalb so ungenirt
wuchert, weil sie von den wenigsten als solche erkannt wird. Diesen
Kranken ist es schon ein Gräuel, überhaupt nur an das soziale
Elend zu denken, geschweige mit Ernst die möglichen Heilmittel zu
überlegen; wehe denen, welche mit allen Mitteln wissenschaftlichen
Prunkes dem Idealismus ins Gesicht schlagen und den Materialis
mus predigen! Sie verhindern, daß der soziale Reformator für sein
à'ìk warmschlagende Herzen findet, sie bewirken, daß auch der
Einsichtsvollste und Willigste schließlich in seiner Thätigkeit erschlafft
und zuletzt müde in das von Allem entbindende „laissez faire“
einstimmt. Der kulturschädliche Einfluß solcher die Menschenliebe
vertreibender Doctrinen besteht aber weiterhin darin, daß sie den
Massen gewissermaßen ein falsches Evangelium predigen, schwache
Geister verwirren unb bösgeartete mit einem wissenschaftlichen
Nimbus umkleiden. Wer zu allem Unbequemen „laissez faire“
sogt, versündigt sich gegen die Humanität und das Christenthum,
welche thatkräftiges Eingreifen in die Schäden der Menschheit ge
bieten. Wir wollen uns daher auch nicht von dieser vornehm sein
sollenden Abneigung gewisser Stände gegen alles, was sozial heißt,
nicht abhalten lassen, Ausschau zu halten nach Mitteln, welche
etwa den sozialen Nothstand beseitigen zu helfen im Stande sein
können.