Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

— 19 
einige Neuere, welche die echte Philologie und wahre Alter 
thumsforschung nur carikiren, aus jenen Vorstellungen sofort 
die moderne Unterscheidung von Gebrauchswerth und Tausch 
werth. Uebrigens besteht der Humor der Nachweisung dieses 
Unterschieds als einer hesondern Erkenntniss der antiken Welt 
noch obendrein darin, dass der moderne Sprachgebrauch und 
die Gewohnheit, von Gebrauchswerth und Tauschwerth zu 
reden, grade ein Ausdruck für die erheblichsten Irrthümer ge 
wesen ist, in welche die Volkswirthschaftlehre in ihren ersten 
modernen Formulirungen verfallen ist und von denen sie sich 
erst in allerjüngster Zeit und auch dies nur im Rahmen der 
am meisten fortgeschrittenen Systeme befreit hat. Man legt 
also den antiken Schriftstellern auf diese Weise moderne Irr 
thümer unter, von denen die volkswirthschaftliche Gleichgültig 
keit und Unschuld ihrer Vorstellungen weder im Rechten noch 
im Schlechten etwas wissen konnte. Wenn sich daher hei 
ihnen einmal ein Satz findet, in den sich eine moderne Theorie 
hineindichten lässt, so ist dies noch kein Zeichen einer wirk 
lichen Kenntniss. Man muss vielmehr stets danach fragen, 
was sie wirklich meinten, und ob sie, wenn sie zufällig eine 
anscheinende Wahrheit aussprachen, sich auch des Gegensatzes 
gegen den zugehörigen Irrthum bewusst waren. Ohne diese 
Vorsicht wird man in ihre aus dem Zusammenhang gerissenen 
Sätze allzu leicht Vorstellungen hineinlegen, die jene Schrift 
steller selbst gar nicht hatten und auch nicht einmal suchten. 
Die Moral, die Privatwirthschaft und die technischen Acker 
baurathschläge, mit denen sie sich beschäftigten, gehören in 
der Weise, in welcher sie diese Dinge zusammenmischten, gar 
nicht in die Nationalökonomie. 
Auch die moralische Empfehlung von Sparsamkeit ist kein 
wissenschaftlicher Satz der Wirthschaftslehre oder Socialtheorie 
und wird sicherlich nicht gefehlt haben, wo es überhaupt bei 
den Völkern Moralisirer, Propheten oder sonst etwas Aehnliches 
gegeben hat. Lassen wir uns also in das Reich solcher Ge*- 
wöhnlichkeiten hinabziehen, so geben wir hiemit die Würde 
der Wissenschaft und des verstandesmässigen Verhaltens Preis. 
Bei solchen Abwegen ist es aber nicht einmal ausschliesslich 
geblieben. Die Niaiserie ist so weit gegangen, in dem Eifern 
der Propheten und Moralisten grade die Herrschaft der Grund 
sätze zu erblicken, deren Mangel jene mahnenden Persönlich- 
2*
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.