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Zweites Capitel.
Das Careysche System.
Im strengsten Sinne des Worts kann man nur da von
einem neuen System reden, wo ein principieller Satz von
grosser Tragweite oder auch einige axiomatisclie Crundein-
sichten den ganzen Inhalt einer Wissenschaft umwandeln. Wo
solche Fundamentalsätzo nicht einzeln und klar nachweisbar
sind, da lässt sich vielleicht von Richtungen, Neigungen und
Färbungen der Theorie, aber nicht von einem selbständig oder
wesentlich veränderten System reden. Der einfache, in einige
Worte zu fassende Satz des Copernicus enthielt eine Umwäl
zung des Systems der Astronomie, und die Ziehung der Oon-
sequenzen aus diesem Satze konnte zunächst nichts weiter als
das untergeordnete Geschäft der Erläuterung der neuen An
schauungsweise sein. Rubriken- und Paragraphengerüste sind
natürlich auch nicht mit Systemen zu verwechseln, was jedoch
nur für diejenigen gesagt zu werden braucht, denen Lehr- und
Handbücher schon in dieser Eigenschaft als Systeme gelten,
und die wohl gar in einem Werk wie das Adam Smithsohe
weniger System sehen, als in dem dürftigsten, nach demselben
material zugeschnittenen Compendium. Ja sogar das Arran
gement einer Gruppe von Wahrheiten nach den Gesichts
punkten der logischen Rubriken ist nicht das in erster Linie
Wesentliche. Hat man den neuen Stoff, so lässt sich jene
Anordnung meist ziemlich leicht treffen, und so wichtig die
selbe für die schliessliche Constitution eines Wissenszweiges
auch werden möge, so lehrt doch die gesammte Geschichte der
Wissenschaften, dass die vollkommen strenge Ordnung und
Verkettung der Bestandtheile fast immer erst als etwas Nach
trägliches zu dem schöpferischen Material hinzukommt. Dies
gilt in ganz entscheidender Weise von der Mathematik; — wie
sollte es nicht in denjenigen Gebieten gelten, die rück sichtlich
ihrer Methode und Sicherheit mit jenem Felde der verhältniss-
mässig strengsten Anwendung der Logik kaum verglichen
werden können?
Die eben gemachten Bemerkungen waren erforderlich, um
den höheren Sinn anzudeiiten, in welchem wir von einem