Full text: Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

490 
Ziehen wir nämlich das ein Dutzend Jahre später nach 
den „Oekonomischen Widersprüchen” erschienene zweite Haupt 
werk zu Rathe, so finden wir in dieser moralphilosophischen 
Schrift „Von der Gerechtigkeit in der Revolution etc.” auch 
die ökonomische Gerechtigkeit mit Rücksicht auf die verschie 
denen Einkünftequellen behandelt. Was hiebei von der Rente 
gesagt wird, könnte überraschen, wenn es überhaupt im Be 
reich des unbeständigen dialektischen Spiels noch Uebor- 
raschungen geben dürfte. Die Rente wird nämlich ganz ehr 
sam als die Differenz zwischen dem Marktcrlös und den Pro- 
ductionskosten genommen, und diese Vorstellung, welche auch 
jeden beliebigen Capitalgewinn kennzeichnet, und dies auch 
dann noch thut, wenn man den blossen Capitalzins oder Credit- 
preis als Bestandtheil der Productionskosten cinrcchnct, — diese 
ganz gewöhnliche Idee, in welcher von der Ursache und dem 
Monopolcharakter der Ricardoschon Rente nichts enthalten ist, 
erscheint grade da, wo sich nach der Meinung der oberfläch 
lichen Berichterstatter Proudhon in eminenter Weise an eine 
vermeintliche nationalökonomische Wissenschaft angelehnt haben 
soll. In Wahrheit verstand er sich nicht einmal auf die Irr- 
thümer und Fehlgrifib, die in Frage kommen konnten, und 
bewegte sich daher mit dem Anschein von gelehrten Berufungen 
so ungenirt, als wenn es seit den Physiokraten wissenschaft 
liche Versuche über Begriff und Ursache der Grundrente gar 
nicht gegeben hätte. Ueberhaupt würde es überflüssig sein, 
in einem Hirn, welches an die Möglichkeit der Ausmerzung 
des Zinses im gegenwärtigen Gesellschaftszustande dachte, 
natürliche und zutrefiende Vorstellungen von andern Einkünfte 
arten suchen zu wollen. 
Um jedoch der Schrift über die Gerechtigkeit nicht selbst 
Unrecht zu thun, so sei bemerkt, dass sie als philosophireri- 
sches Buch und als moralische Auslassung einen relativen 
Werth hat, insofern sie in einer halb geschichtsphilosophischen 
Weise mancherlei Vorstellungen in Bewegung setzt, die bei 
vielen Naturen in überlieferter Trägheit fortvegetiren. Dieser 
Vorzug würde ein sehr geringer sein, wenn die Philosophie der 
ersten zwei Drittel des 19. Jahrhunderts nicht viel verworrener 
wäre, als diejenige der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 
In der schlechteren Nachbarschaft, also relativ und nicht ab 
solut gewürdigt, mögen daher die Proudhonschen Auslassungen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.