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dem um in der Ehe für die Verhütung einer zu grossen Kinder
zahl Wissen und Gewissen des neuen Ehebürgers gleich beim
Eintritt in Anspruch zu nehmen. Da jedoch bei dem Prole
tariat die Einhändigung einer solchen Abhandlung keine Aus
sicht auf Erfolg biete, so müsse Rechtszwang in Gestalt der
Nachweisung von „Kindergut” und bei einem etwaigen vierten
Kinde nachträglich Nachweisung von noch V3, widrigenfalls
aber Strafarbeit bei nur nothdürftigem Unterhalt eintreten.
Diese Proben aus dem praktischen Theil unserer christlich
moralisch auftretenden Socialphilosophie werden (Bd. III S. 92)
fast noch durch die Empfehlung überboten, religiöse Orden um
der Beförderung der Ehelosigkeit willen zu begünstigen und
Schwesterhäuser mit dem gleichen Zweck zu stiften, um dem
Trieb zur Beschäftigung mit Kindern und deren Erziehung eine
künstliche Nahrung zu geben. Aus der letzteren Idee leuchtet
jene Unnatur hervor, deren Wurzel in falschen Vorstellungen
von dem überschwenglich überwiegenden Interesse einer Seele
an Verhältnissen zu suchen ist, bei denen die Natur auch in
den hochsittlichen Beziehungen nicht fehlen darf, wenn sie nicht
zur Oorruptionsgestalt oder Caricatur des edleren Typus wer
den sollen.
Die ganze Gestalt Marios erinnert in den wichtigsten Haupt
beziehungen an jenen Venetianer Ortes, den wir bei der Dar
stellung von Malthus berührt haben, und welcher vor dem
Engländer die rückläufigen Bevölkerungsanschauungen^ culti-
virte. Auch er verband mit der religiösen Rückständigkeit und
der Vertheidigung des Oölibats einen gewissen politischen Radi
calismus, und diese Mischung, die gleich allen Oombinations-
producten der Geschichte erklärt werden muss, ist es ja auch,
die dem Marloschen Werk sein absonderliches Aussehen gegeben
hat. Die Ausrottung des Proletariats auf dem Wege der Straf
arbeit für zuviel erzeugte Kinder ist nur der nackte Ausdruck
einer Idee, deren Wurzel bei den Malthusianern der heutigen
Generation ebenfalls vorhanden ist und nur in versteckterer
oder in verschämter Weise Nahrung zieht und spendet.
Der Socialismus auf Grundlage Malthusisch gearteter Be
völkerungsvorstellungen und entsprechender Bevölkerungspolitik
ist eine vereinzelte Abnormität, und wir machen noch schliess
lich darauf aufmerksam, dass die socialistischen Antriebe und
Theorien der Regel nach entschieden antimalthusisch ausge-