37
dächtigkeit und Stabilität altvaterischer Sitte sich handle.
Wenn darauf die Hoffnungen und Bestrebungen gerichtet
sind, — wenn der angestammte Zopf allein das Ankertau
in den Stürmen der Zeiten abgeben soll — dann zeigt
vie ganze Idee ein noch größeres Verkennen unserer jetzigen
Lebensphasen, als wir ihr vorhin zuschrieben. Denn nichts
liegt mehr augenfällig auf der Oberfläche dar, als die vor
sich gehende unaufhaltsame Verwüstung aller Angewöhnungen
durch die rasche Umgestaltung aller äußeren Verhältnisse.
Die sozialen Grundbeziehungen sind in Preußen kaum
dreißig Jahre alt. Mit der Destitution des Adels, der
Aufhebung der Hörigkeit und Dorfgemcinheit, Einführung
der Gewerbefreiheit, allgemeiner Militärpflichtigkeit u. s. w.
hat sich Alles neu gestalten müssen. Die Bücklinge vor
dem gnädigen Erbgutsherrn, das Kleben an der Scholle,
das Hutabnehmen vor einem gestrengen Rathsherrn, das
Zittern vor dem Korporalstock mußte mit einem Male
verschwinden. Mit jenen Reformen gerieth das ganze Leben
in Fluß; es trat eine Periode des Wechselns ein, welche
nichts zur Stabilität gedeihen läßt. Landgüter gehen von
Hand zu Hand, wie Staatöschuldscheine; heute ist man
Kaufmann oder Soldat, morgen Gutsbesitzer, übermorgen
wieder etwas anderes; große Güter werden zerstückelt,
Bauernhöfe vereinigt; der ackerwirthschaftliche Betrieb muß
bald diese, bald jene Richtung nehmen; kaum hat sich der
Gewerkömann mit dem einen Verfahren vertraut gemacht,
so wird ihm eine neue Aufgabe gestellt; der Handel wechselt
täglich seine Wege. Die Idee irgend einer Stabilität,