69
wie so häufig heutzutage gesagt wird: „die Zeit drängt
und fordert unabweislich ein Vorschreiten." Die Phrase
ist eben so bequem als nichtssagend. Denn „die Zeit"
kann nichts anderes bedeuten, als die zur Zeit bestehenden
Verhältnisse; und darin liegt gerade für uns eine Aufgabe,
nämlich: zu zeigen, was diese Verhältnisse sind, — welches
unter ihnen entstandene Mißverhältnis eine Umgestaltung
ins Werk setzt, — woher dies Mißverhältniß gekommen, —
und wo die nöthig gewordene Umgestaltung hinaus muß?
Es ist leicht sagen: „wir befinden uns in einer Periode
des geschichtlichen oder sozialen Uebergangö", — es kommt
nur darauf an, zu sagen: von was zu was wir übergehen,
und durch welche Hebel die Bewegung geschieht. Dies
genügend darzuthun, würde ein umfassendes Werk erfordern;
doch glauben wir, durch einige kurze Andeutungen, soviel,
als unser gegenwärtiger Zweck verlangt, klar machen zu
können.
Woher die Feudaleinrichtungen entstanden, haben wir
gezeigt. Es war die Zeit der Fehde Aller gegen Alle:
„ Wo Groß und Klein sich kreuz und quer befehdeten,
Und Brüder sich vertrieben, tödteten;
Burg gegen Burg, Stadt gegen Stadt,
Zunft gegen Adel Fehde hat,
Der Bischof mit Kapitel und Gemeinde;
Was sich nur ansah, waren Feinde.
Zn Kirchen Mord und Todtschlag, vor den Thoren
Ist jeder Kauf- und Wandersmann verloren,
Und Allen wuchs die Kühnheit nicht gering:
Denn Leben hieß: sich wehren! — "
Faust. Theil II