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SOCIALSTATISTIK - Einwirkung der Willensfreiheit.
Einfluss der Schdhildung auf die Zahl der Verhrechen. Man hat
wiederholt gefunden, dass eine unverliältnissmässig grosse Anzahl unter
den Sträflingen der ersten Elementarbildung, der Kenntniss des
Lesens und Schreibens ermangelte. Die Tliatsache ist unbestreitbar,
nicht so die gewöhnlich daraus abgeleitete Folgerung, dass schon der
erste Unterricht die Menschen bessere ; finden wir doch gerade von
Feinstgebildeten vielfach die schmählichsten und empörendsten Dinge
verübt. Jene Menschen sind in der Regel nicht schlimmer, weil sie
nicht lesen und schreiben können, sondern der Mangel jener Kenntniss
erschwert ihnen das Fortkommen, und die dadurch über sie gebrachte
Noth wird häufig die Ursache von Vergehen und Verbrechen.
Einfluss der Willensfreiheit auf sociale Handlungen. Dass Noth
und Elend eine Verminderung der Zahl der Geburten, dagegen eine
Vermehrung der Sterbfälle hervorbringen, ja dass sie auch beitragen,
die Menge der Vergehen und Verbrechen zu vergrösserii, wird wohl
allerseits unbedingt zugegeben werden. Wie aber steht es mit jenen
Handlungen, welche mehr absolut Ausflüsse der menschlichen Willensfreiheit
sind? Stehen auch sie unter bestimmten Gesetzen,
lassen auch sie eine Berechnung zuV Quetelet liai vor Jahren diese
Fragen specicll erörtert (in der Abhandlung; „/^e l'influence du libre
arbitre de Íhomme sur les faits socinux.^’^) „Die Willensfreiheit,^ schreibt
er, „dieses wunderliche, aller Regeln spottende Element, scheint, indem
es seine Wirksamkeit mit derjenigen der sonst das Gesellschaftssystem
beherrschenden Ursachen vermengt, alle unsere Vorhersagungen
ein- für allemal verwirren zu wollen.“ Und doch weist die Statistik
andere Thatsachen nach. „Es gibt gewiss keinen Act im Bereiche
des menschlichen Handelns, bei welchem der freie Wille in directerer
Weise eingreift, als beim Heirathsaete.“ Nun beweisen die.Civilstandsregistcr
in Beziehung auf die Zahl der Trauungen alljährlich
eine Stätigkeit und Gleichmässigkeit, welche grösser ist als bezüglich
der Zahl der Todesfälle; bei den Sterbfällen sind die Schwankungen
zahlreicher, als bei den lleirathen ; (dass Missjahre ebenso
ein wirken auf Vermehrung der Sterbfälle, wie auf Verminderung der
Heirathen, haben wir bereits öfter bemerkt.) Indessen ist es nicht
blos die erwähnte, ganz allgemeine Erscheinung, welche unsere Aufmerksamkeit
in Anspruch nimmt; die Einzelnmomente sind noch ungleich
merkwürdiger. Untersuchen wir die Ergebnisse der Civilstandsregister
eines grösseren Staates, wie Frankreich, oder nur eines kleineren, wie
Belgien, so finden wir im Wesentlichen immer dieselben Verhältnisszahlen
für die lleirathen zwischen Junggesellen und Mädchen, dann
zwischen Junggesellen und Wittwen, sowie zwischen Wittwern und
Wittwen. „Was noch mehr in Erstaunen setzt,“ bemerkt Quetelet, „ist,
dass diese constante Wiederkehr derselben Thatsachen sich bis in die einzelnen
Provinzen beobachten lässt, obwohl hier die Zahlen so klein werden,
dass die mannigfachen neben dem menschlichen Willen wirkenden zufälligen
Ursachen alle Regelmässigkeit zu zerstören drohen... Im
thatsächlichen Verlauf der Dinge geht demnach Alles so, als ob von einem
Ende des Landes zum andern das Volk sich alljährlich verständigte,