Full text : Handbuch der vergleichenden Statistik der Völkerzustands- und Staatenkunde

368  SOCIALSTATISTIK  —  Krankheiten  wegen  Lüftungsmangel.
ln  der  schweren  Arbeit  ergibt  sicli  sonach  ein  ganzes  Jahr  mehr
Krankheit.  Der  Arbeiter  hat  an  seinem  39.  Geburtstage  ein  halbes
Jahr  in  Krankheit  zugebracht,  der  Manu  mit  leicherer  Beschäftigung
hat  die  gleiche  Zeit  Krankheitstage  erst  mit  seinem  44.  ,labre  erduldet.
Ist  aber  die  Zahl  der  Krankheitstage  entschieden  geringer  bei
dem  Einen  als  bei  dem  Andern,  so  vertheilt  sich  das  eine  jede!  Classe
treffende  Quantum  in  merkwürdiger  Regelmässigkeit  in  der  Art,  dass
von  diesem  Quantum  in  jeder  Classe  auf  die  zweiten  25  Jahre  beinahe ­
  vollständig  noch  einmal  so  viel  Krankheitstage  kommen,  als  auf
die  ersten  25.  Es  ergaben  sich  nähralich
Alter  bei  leichter  Arbeit  bei  schwerer  Arbeit
in  den  2.5  Jahren  von  15%—40%  154%  Tage  180^,0  Tage
r  «  .  «  n  40%-6^%  ^  ^
(Die  Hälfte  der  letzten  Zahl  ist  156Yio  r  105*/,g  „  )
ln  beiden  Fällen  sonach  starke  Verdopplung  der  Erkrankungszeit ­
  in  den  letzten  25  Jahren.  Später  steigt  das  Veihältniss,  wie  gezeigt, ­
  noch  weit  mehr.
Krankheiten  veranlasst  durch  imgenügende  Lufterneuerung,  Es
liegt  ausser  unserm  Plane,  auf  die  einzelnen  Krankheiten  cinzugehen.
Doch  möge  hier  wenigstens  in  Kürze  einer  erst  in  der  jüngsten  Zeit
beachteteten  und  noch  nicht  allgemeiner  bekannten  Wahrnehmung  gedacht ­
  werden.  Sie  betrifft  die,  im  Allgemeinen  bereits  oben  angedeutete, ­
  ungenügende  Lufternouerung,  zumal  in  Kasernen,  Spitälern
und  Strafanstalten,  mehr  oder  minder  aber  in  den  Wohnungen  aller
ärmeren  Classen  der  Bevölkerung.
Die  Frage  erscheint  um  so  wichtiger,  wenn  wir  erwägen,  welche
gewaltige  Menschenmasse  alljährlich  durch  Lungensucht  und  andere
unmittelbare  oder  mittelbare  Krankheiten  der  Athmungsorgane  hinweggerafft ­
  wird,  und  wenn  wir  insbesondere  die  in  England  ermittelte
Thatsache  beachten,  dass,  während  die  Lungensucht  in  jenem  Lande
unter  der  männlichen  Bevölkerung  zwischen  dem  20.  und  30.  Altersjahre ­
  doch  wenigstens  nur  5  von  1000  tödtet,  sie  aus  den  mit  Sorgfalt
ausgewählten  Soldaten  des  Elitecorps  der  Gardeinfanterie  nicht  weniger  als
11,5  hinwegmäht.  (S.  Compte  rendu  du,  Congrls  général  d'hygihne
publique  de  Bruxelles  [Session  de  1852],  qyar  Boudin,  Paris  1853.)
Der  schwedische  Oberarzt  Dr.  Liljewalch  war  unseres  Wissens
der  Erste,  welclier  die  enorme  Sterblichkeit  in  den  europäischen  Heeren ­
  während  des  Friedens  (vorzugsweise)  dem  Mangel  eines  genügenden ­
  (Quantums  frischer  Luft  in  den  Kasernen  beimass.  Er  berechnete,
ein  einzelner  Soldat  bedürfe  48  Ciibikmeter,  was  in  keiner  Kaserne
auch  nur  annähernd  gewährt  wird.  Das  schwedische  Kascrnenreglement
  z.  B.  sei  auf  8  Kubikmeter  per  Kopf  berechnet,  also  nicht  mehr
als  blos  Yg  des  Nothwendigen.  So  entstünden  Vergiftungen  der  Soldaten ­
  durch  das  Einathmen  kohlensaurer  Gase.
Längst  schon  hatte  man  die  Nachtheile  allzugrosser  Menschenanhäufung ­
  im  Allgemeinen  wahrgenommen.  Man  suchte  dem  Eebel
dadurch  zu  begegnen,  dass  man  ein  Minimum  von  Raum  für  jede
Schlafstelle  annahm,  wie  auch  Liljewalch  that.  Die  Nachforschungen
            
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