Full text : Handbuch der vergleichenden Statistik der Völkerzustands- und Staatenkunde

SOCIALSTATISTIK  —  Umgestaltung  der  BevölkerungsYerhältnisse.  375

desse»,  sogar  eine  positive  Verminderung  ergeben  hat,  so  müssen
tiefere  innere  Veränderungen  vorgegangen  sein.
In  Wirklichkeit  scheinen  auch  verschiedene  andere  Momente
diese  Vennuthung  zu  bestätigen.  Es  däucht  uns,  als  ob  die  mitteleuropäische ­
  Menschheit  in  ihrem  Entwicklungsgänge,  auch  was  die
Populationsverhältnisse  betrifft,  gleichsam  an  einem  Wendepunkt
angelangt  sei.  Und  obwohl  wir  keineswegs  der  Ansicht  sind,  als  ob,
statt  der  bisherigen  Vermehrung,  nunmehr  eine  Verminderung  der
Menschonzahl  sich  ergeben  müsse,  so  glauben  wir  doch,  dass  die  bedingenden
  Verhältnisse  über  Geburten  und  Lebensdauer,  eben  in
Folge  des  Ciilturentwicklungsganges,  eine  nicht  unwichtige  Modihcation
erfahren  haben.  Wir  weisen  hier  wiederholt  auf  die  auffallende  Erscheinung ­
  hin,  welche  in  Frankreich  constatirt  ist,  dass  die  Zahl  der
Geburten  dermalen,  bei  einer  Volksmenge  von  35^4  Millionen,
nicht  grösser  ist  als  sie  vor  70  Jahren  war,  obgleich  der  btaat  damais
  nur  etwa  24Y2  Mill,  umfasste.  Wir  geben  die  Daten  no^
umfassender,  als  es  bereits  geschah,  um  zu  zeigen,  dass  es  sich  nicht
um  eine  Einzelnerscheinung  in  einem  besondern  Jahre  handelt,  n  ir
weisen  zugleich  nach,  wie  sich,  übereinstimmend  mit  jenem  Verhältnisse, ­
  auch  die  Summe  der  St  erb  fälle  verhältnissmässig  änderte.
In  Frankreich  kamen  vor:

Geburten

Sterbfälle

1781
1782
1783
1784

970,406
975,703
947,941
965,648

1850
1851
1852
1853

954,240
979,907
965,080
927,917

1781
1782
1783
1784

881,138
948,502
952,205
887,155

1850  761,610
1851  817,449
1852  810,695
1853  787,581

ZUB

3’859,698  3’827,134  3’669,000  3’177,135
Wir  müssen  zwar  bemerken,  dass  sich  ans  der  officiellen  Quelle,
welcher  wir  die  früheren  Ziffern  entnehmen  (der  1637  vom  franz.
Minister  der  öffentlichen  Arbeiten  herausgegebenen  Statistique  de  la
France,  von  welcher  das  unter  dem  nämlichen  Titel  im  Jahre  1855
veröffentlichte  Werk  eigentlich  nur  eine  Fortsetzung  bildet),  nicht  ersehen
  lässt,  ob  nicht  die  Zahl  der  Todgeborenen  im  vorigen  Jahrhunderte
  mit  eingerechnet  ward.  Wir  halten  dies  für  wahrscheinlich.
(Da  die  Zahl  der  Todgeborenen  1841—45  durchschnittlich  33,048,
1846—50  durchschn.  35,219  betrug,  so  hat  man  einen  ungefähren
Maassstab  für  dieses  Verhältniss.)  Bringen  wir  aber  auch  diesen
Umstand  mit  in  Anschlag,  so  bleibt  die  Erscheinung  dennoch  ausserordentlich ­
  genug,  um  eine  tief  greifende  Aenderung  in  den  socialen
Zuständen  zu  beurkunden.
1st  nun  damit  zunächst  eine  Umgestaltung  bewiesen,  welche  sich
seit  dem  vorigen  Jahrhunderte  ergeben  hat  —  die  Gegensätze  zwischen
dem  18.  und  19.  Jahrhunderte  in  dieser  Beziehung  andcutend,  so
bemerken  wir  überdies  auch  Erscheinungen,  welche  auf  Aenderungen
in  den  verschiedenen  Perioden  des  19.  Jahrhunderts  selbst  hinweisen.
Am  bedeutungsvollsten  bleibt  die  mehrerwähnte  BevölkerungsVerminderung, ­
  wo  noch  vor  einem  oder  zwei  Jahrzehnten  eine  ansehnliche ­
  Vermehrung  stattfand.  Andere,  wenngleich,  für  sich  allein  be-
            
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